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Der Jugendbund · 1927-12-01 · 12 (1.12.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
12 (1.12.1927)
Date
1927-12-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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I gehende Rechte an der Gemeindeverwaltung eingeräumt werden müßten. Eine besondere Pflicht der Gemeinden sei die Verbreitung jüdischen Wissens durch Errichtung jüdischer Lehrhäuser, Einführung von Wanderlehrkursen, Bildung jüdischer Bibliotheken. Umrahmt wurden die mit großem Beifall aufgenommenen Referate durch künstlerische Darbietungen des Kapellmeisters Stern, Duisburg, und des Düsseldorfer Sprechchors, der wieder einmal die Zuhörer stark in seinen Bann zog. Am Nachmittag fand im Beisein von etwa 200 Delegierten und Gästen die eigentliche Tagung statt. Die Satzungen des Bezirksverbandes, die Gruppeneinteilung und die Beitragsfrage wurden schnell erledigt. Die Aussprache über die Referate der Morgenveranstaltung stand auf hohem Niveau. Das Ergebnis faßte Dr. Hahn in seinem Schlußwort zusammen: „In Großstädten sind Häuser als Jugendheime vonnöten. In kleineren Gemeinden muß man sich mit einzelnen Räumen begnügen. Zur Verwirklichung der Heimfrage sind innerhalb der Gemeinden Mittel zu werben (Bausteine). Es ist in geeigneter Weise an die städtischen und staatlichen Behörden heranzutreten, um Hypotheken gegen billige Verzinsung zu erhalten." Auf Vorschlag von Julius Herzfcld, Essen, wurde der Verband ersucht, im Einvernehmen mit den anderen Jugendorganisationen eine Denkschrift über die Heimfrage auszuarbeiten, die den Gemeinden, Landesverbänden und Organisationen zugeschickt werden soll. Die Aussprache über das Referat Aribert de Jonges ergab den starken Willen der Jugend zu aktiver Mitarbeit im Gemcindeleben. Es wurde von der Verbandsleitung zugesagt, daß die Vereine in einem Rundschreiben aufgefordert würden, sich mit den Fragen des Judengesetzes vertraut zu machen. Die Vorstandswahl ergab die Wahl von Alfred Heymann, Gelsenkirchen, zum 1. Vorsitzenden. 2. Vorsitzender wurde Lehrer Fritz Kaiser aus Duisburg-Ruhrort. Am Abend fand noch ein gemütlicher Abend statt, der die meisten Teilnehmer noch lange vereinigte. Sachsen. Sonntag, den 20. d. M., fand in Chemnitz die Delegierten- Tagung unseres sächsischen Landesverbandes statt. Es nahmen 22 Delegierte und L.-V.-Vorstandsmitglieder aus Dresden, Leipzig, Plauen, Gera, Görlitz, Halle, Chemnitz daran teil, ferner waren vom Hauptvorstand Karl Goeritz, Chemnitz, und Fritz Schwarzschild, Wiesbaden, anwesend. — Die Tagung wurde mit Begrüßungen seitens des Chemnitzer Rabbinats, des Gemeindevorstands, der Saxonia-Loge, der Chebrah- Kedoschah, der C.-V.- und RjF.-Ortsgruppe sowie des Synagogen-Chorvereins eingeleitet, alsdann nahm Rabbiner Dr. Katten, Görlitz, das Wort zu dem Hauptreferat: „Unser Jugendbund — Idee und Wirklichkeit." Ausgehend von der dreifachen Frage an den Menschen: wie schaust du dich selber, wie beurteilen dich andere, welches ist deine wahre Realität, dein Wesen vor Gott, stellte er unsere Bünde vor die Fragen: welche Idee setzt sich die Gruppe selber, wie wird sie von außen geschaut, was gilt sie vor dem Absoluten? — Vor allem gilt es, die Selbsterziehung zur jüdischen Persönlichkeit. Die Einheit des Religiös-Sittlichen scheint bedroht, die Konflikte zwischen alt und jung beeinflussen die Vorstellung von der sittlichen Welt. Unser Streben ist aufwärts gerichtet. Wir wollen an keiner Erscheinung des Geisteslebens, vorübergehen, aber auch am jüdischen Leben nicht. Auf das Prinzip der Neutralität eingehend, stellte er unsere Neutralität als eine gleichsam offene dar, die vor keiner jüdischen Erscheinungsform haltmachen und das Gemeinsame ergründen und pflegen will. Wir sind nicht Jugendbewegung, wie sie allgemein verstanden wird. Paul Natorp gab ihr das Charakteristikum: romantische Sezession. Sie spiegelt sich in Gegenwartsablehnung, Volkserneuerung und romantisierender Lebensart. W i r wollen den Willen zur Sachlichkeit betonen und stets daran denken, daß wir in der Vergangenheit Wurzel fassen müssen, um die Zukunft gestalten zu können. Denn in der Vergangenheit ist das Einigende verankert, das Buch der Geschichte ist unser aller Buch. Aber wir dürfen nicht im abstrakt Geistigen verbleiben! wir brauchen die Ungeistigen, um sie zu einem jüdischen Kulturleben zu erziehen. Ihnen müssen wir mit einem herzlichen Ton begegnen, darum ist das letzte Verbindende, das absolut Gültige die Liebe zum jüdischen Menschen. Sie muß allem voranstehen. Die wahre Liebe aber hat die Verschiedenheit der Menschen geradezu zur Voraussetzung. Es gilt, den jüdischen Ausgleichsmenschen als Durchschnittstypus zu schaffen, der die Notwendigkeit der Erscheinungen jüdischen Seins in ihrer Vielfältigkeit anerkennt. Die ergiebige Aussprache bewegte sich in der Hauptsache um die Gedanken: Liebe zum jüdischen Menschen, Vergangenheit — Zukunft, Jugendbewegung. Weinsaft, Chemnitz, sagte, der Gedanke von der Liebe zum jüdischen Menschen habe die Jugend bereits erobert, es müsse diese Forderung weit mehr als bisher über die geistigen und Herkunftsgrenzen hinweg ihre Verwirklichung finden. Denn wir alle brauchen einander und lernen voneinander. Dr. Karger, Görlitz, deutete die Jugendbewegung gerade als etwas Gegenwartgestaltendes, dem ein Recht auf sich selber zusteht. Wir müssen dem Jugendbund die Impulse der Jugendbewegung geben, nur so werden wir an der Zukunft bauen können. Fritz Schwarzschild suchte die Begriffe zu klären, indem er die Jugendbewegung als historischen Begriff, im Sinne Natorps als romantische Sezession hinstellte. Uns alle müsse das soziale Liebesgefühl umfassen, wir müssen den jüdischen Massenmenschen gewinnen. Geschichte und Wissenschaft sind die Substanzen unseres Seins. Dr. Fuchs, Chemnitz, forderte die Erkenntnis des Gemeinschaftlichen. Dies sei der jüdische Mensch. Jüdisches Selbstbewußtsein brauchte nicht mehr betont zu werden, heute käme es darauf an, sein Leben in den Dienst der jüdischen Gemeinschaft zu stellen, willensmäßig jüdischer Mensch zu sein. Dr. Wolf und Elsa Hjrschel, Dresden, verlangen Loslösung von Vergangenem. Die erste Frage sei die nach Gegenwarts- und Zukunftsgestaltung. Im Schlußwort betonte Dr. Katten, wenn wir Vergangenheit sagen, dann meinen wir das Ewige, das absolut und zeitlos Gültige. Das müssen wir uns erarbeiten. Wir wollen Jugend und Juden sein. — Der Nachmittag war internen Fragen gewidmet, im allgemeinen ist das Bild der sächsischen Vereine, bei allen Nöten, ein solches, das mit einer Ausnahme an Aufschwung glauben läßt. Viel geklagt wurde über die Zurückhaltung einzelner Gemeinden und Logen. Das Unverständnis gegenüber der Notwendigkeit unserer Arbeitist immer noch erschreckend groß. Die Gemeinden müssen erkennen, däfl wir ein Recht auf etatsmäßige Zuwendung haben. Die Finanzfrage muß großzügig in Angriff genommen werden, der Reichsverband wird sich eingehend damit befassen. — Der neue Vorstand setzt sich aus Mitgliedern aller zugehörigen Vereine zusammen. Die Tagung, der ein Begrüßungsabend vorausging, war auch in ihrem äußeren Rahmen wohl geeignet, nach innen wie nach außen propagandistisch zu wirken, sie wird unsere Kräfte erneuern und uns neue Freunde werben. Württemberg. Die Delegiertentagung des W^irttembergischen Landesverbandes fand am 20. November in Stuttgart bei guter Beteiligung statt. Vertreten waren außer dem Landesverbandsvorstand die Vertreter der Vereine Stuttgart, Heilbronn, Ulm, Crailsheim, Eßlingen, Haigerloch, Laupheim, Rottweil, weiterhin waren außer den Vertretern des Reichsverbandes (Dr. Spier, Höchst a. Rh.), der Nachbarvereine (Hagelberg, Konstanz, Themal, Pforzheim), noch eine Reihe von Behörden und Verbänden (Israel. Oberrat — Israel. Vorsteheramt — Zentralverein — Stuttgart-Loge — Kameraden — Blau-Weiß — sonstige prominente Persönlichkeiten) durch ihre Abgeordneten vertreten. Der Vorsitzende, Dr. Cohn, Stuttgart, gab den Tätigkeitsbericht über das letzte Verbandsjahr, das uns einen Zuwachs von zwei neuen Ortsgruppen (Rottweil und Crailsheim) gebracht hat; Mergentheim hat sich noch nicht angeschlossen. Neben der körperlichen Ertüchtigung und der Pflege des ge- 13

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