Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 11 (1.11.1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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in den jüdischen Prophezeiungen all das verkennen, was Sie gerade in ihnen so gut erkannt haben." Was die Priester und Führer aller christlichen Sekten und Religionen nicht fertig gebracht haben, das bringt dieser alte Rabbiner mit seinem schlichten Worte fertig: Aime Pallien.- wird Noachide, Zeuge und Bezeuger des einzigen Gottes, dessen Priester und Propheten die Juden sind. Mit dem Bekenntnis zu diesem Gott und dem Aufruf, der an der Spitze dieses Berichtes steht, schließt das Buch Pallieres. Der Skeptiker wird fragen, was denn Besonderes sei an diesem „Fall P.". Nun denn, wenn der Umstand, daß dieser Mann das unbekannte Heiligtum entdeckt hat und heute ein Verkünder des Wortes und des Geistes ist; wenn sein Bekenntnis- oder, wie ef's gewürdigt wissen will, sein Aufruf- Buch allen positiv-jüdischen Menschen zur Quelle seltsamsten Erlebens, aber auch stolzer Freude werden wird; wenn dieses Buch seinen Weg ins jüdische Haus finden wird; dann geschieht auch dies al kiddusch haschem, zur Verherrlichung des jüdischen Namens und des jüdischen Gottes! Dies Buch, es stellt die Fragen des Judentums heraus, es wirft das Problum der Missionstätigkeit der Juden auf, es ruft sie von den verlorenen Posten des Immer-nur-verteidigen-wollcns zurück, auf zum Kampf, zur Offensive, zur Mission für den Noachismus des Talmuds, dessen Verkünder Elia Benämozegh und dessen Sohn Aime Palliere ist. Mit Rührung, Freude und Stolz, aber auch mit Scham erkennt der entjudete und erniedrigte .lüde, daß das Judentum der W.elt noch etwas zu sagen und zu geben hat. Pallieres Glaubensbekenntnis nämlich lautet: „Des göttlichen Geistes Walten, ein langsames, mühseliges, aber ein rastloses, hat im jüdischen Volke das historische Phänomen vollbracht, das in der religiösen Geschichte der Menschheit einzig ist: den Prophetismus, das große Wunder der jüdischen Geschichte, gleichsam die prächtige Blüte, in der sich sein nationaler Genius entfaltet hat. Bei den Propheten hat die Entwicklung des religiösen Denkens seinen Höhepunkt erreicht. Adonai, Gott Israels, hat sich, ihnen als der einzige Gott, Vater aller Menschen, offenbart. Die Menschheil wurde da als eine große Familie konzipiert, und der jüdische Glaube sprengte zuletzt alle nationalen Schranken, besser gesagt, er ließ sie bestehen, aber setzte sich über sie hinweg. I i kennt keine Grenze mehr, weder in der Zeil noch im Raum. In der inessianischen Hoffnung sind seine erhabensten, weltumspannendsten Bestrebungen zusammengefaßt und verdichtet enthalten. Nicht nur vermöge seiner Weite steht der jüdische Glaube in der ersten Reihe aller Glaubenseinrichtungen der,Menschheit, sondern auch vermöge seines Wesens selbst und seiner Tiefe. Wenn Adonaj sich als Gott des Heiligseins offenbart, so findet die Religion ihren reinsten, ihren vollkommensten Ausdruck hinfort im geheimsten des Gewissens. Alle Moralclcmente, die in den anderen Bekenntnissen überall verstreut sind, finden sich hier wie in einem einzigen Bündel vereinigt. „Seid heilig, denn ich bin heilig, ich, Adonaj." Dieses Gebot, in dem die anderen alle enthalten sind, ist für das Judentum Glaubenssatz und Lebensregel in einem." So möge denn dieses Buch seinen segensreichen Weg machen", Aufsehen erregen nicht zur. Befriedigung schaler Sensationslust, sondern zum Guten! An dem Verdienst des Verlages, der das Buch in würdiger Gewandung herausbrachte, nehmen wir teil, wenn wir von unseren Freunden fordern, es zu lesen, zu erarbeiten und so geistig zu erwerben. Aime Palliere, der Führer der Union universelle de la jeunesse juive, dem Weltbunde jüdischer Jugend, dem auch unser Verband angehört, schrieb dies Buch der jüdischen Jugend. Wir danken es ihm, indem wir uns so intensiv mit ihm beschäftigen, daß es unser wird. Auf viele Fragen gibt es eine Antwort .... Hölzer. 1. Landesverbände. Der Hessische Landesverband hatte seine Delegiertentagung am 9. Oktober in Worms in den Räumen der Dahlberg-Loge. Außer dem Landesverbandsvorstand waren etwa 50 Delegierte und ebensoviel Gäste anwesend. Der Reichsverband war durch Fr;tz Schwarzschild und Ernst Holzer vertreten. Herr Rabbiner Dr. Holzcrr Worms, und Herr Kiefer, Worms, begrüßten die Versammlung in Namen der Gemeinde, Rabbiner Dr. Levit, Alzey, überbrachte die Wünsche des Hessischen Rabbinerverbanc es; außerdem sprachen Vertreter des RjF., des C. V. und der Zionistischen Vereinigung. Der Landesverbandsvorsitzende Dr. Kurt Herz, Offenbach, erstattete den Tätigkeitsbericht, der manches Erfreuliche .enthielt. In seinem Referat „Arbeit und Geselligkeit im Jüdischen Jugendverein" führte er aus: „Arbeit ist Rhythmus, ist der Alltag, ist eine Kraftanwendung in dt r Hingabe ans Werl:. Zu einer Unterbrechung dieser Tätig! eit ist die Geselligkeit, das Fest, notwendig. Geselligkeit ist ätwas Ueberzeitliches, etwas, was aus dem Streben und aus den Gedanken des Alltags herausführt, ist Entspannung. Unter Geselligkeit ist gepflegtes Zusammensein zu verstehen. Gerade die Jugend, die der schalen und oberflächlichen Geselligkeit müde ist, ist es, die wir um eben dieses Suchens willen brauchen, können." Das Ergebnis der sich daran anschließenden; Aussprache faßte Fritz- Schwarzschild in den Worten zusammen: „Unsere Arbeit ist Hingabe ans jüdische Werk, Geselligkeit im jüdischen Jugendverein ist Hingabe an Rhythmus, an die Befriedigung unseres ästhetischen Verlangens." — Da Dr. Kurt Herz infolge beruflicher Gründe isein Amt als 1. Vorsitzender niederlegen mußte, wurde an seiner Stelle Dr. Josef Spier, Höchst, zum 1. Vorsitzenden gewählt, 2. Vorsitzender wurde Dr. Picard, Mainz. — Während der Mittagspause besichtigten die Delegierten unter Führung von Herrn Kiefer die zahlreichen jüdischen Sehenswürdigkeiten in Worms. Der Nachmittag brachte den Höhepunkt der Tagung durch außerordentlich fesselndes Referat des Herrn Rabbiners Dr. Dienemann, Offenbach, über: „Wie soll man jüdische Geschichte lernen?" Er führte etwa aus: „Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als die fehlgeschlagenen -Bemühungen des Kulturvereins eine Massentaufe herbeiführten, meinte man, ein Erziehungsmittel zur Treue und Anhänglichkeit ans Judentum in der Verbreitung der Kenntnis der jüdischen Geschichte gefunden zu haben, und bald wurde dieses Wissen in größtem Maße Allgemeingut der Juden. -Die Voraussetzungen stimmten aber nicht, denn es kann auf die Gesinnung keinerlei Einfluß haben, wenn der Mensch in seiner Jugend aus nur äußerem Zwang Geschichte lernt, wie er sich sonst irgendwelche anderen Kenntnisse aneignet, sondern es muß der eigene, innere Wille sein, der ihn dazu treibt, Geschichte zu lernen, und diesen Willen zu erwecken, ist Aufgabe der Gemeinschaft im Jugepdbund. Und wenn man nun die Geschichte lernt, ist sehr viel zu beachten. Früher betrachtete man jüdische Geschichte als eine Literaturgeschichte, man —lernte die Namen der jüdischen Denker, Dichter und Philosophen kennen und bekam so den Eindruck, als sei das jüdische Volk ein Volk von lauter, Gelehrten gewesen. Hierdurch geriet man in sehr große Entfernung vom wahren Judentum und von den wirklichen Tatsachen. Darum soll man als erstes beachten: Die jüdische Geschichte ist als ein Teil der ganzen Weltgeschichte zu betrachten, nicht nur in politischer Hinsicht, sondern auch mit Hinblick darauf, daß sie die Ausdrucksform für das Ringen um.die Religinnserkenntnis ist. Es muß gelingen, Handlungen, die uns früher nur als böse oder nur als gut erschienen, je nachdem als politisch notwendige, oder als diplomatische, oder als ganz natürliche zu erkennen. Ferner ist die Geschichte zu lernen unter dem Gesichtspunkt des immer wiederkehrenden, starken Willens zur Einheit, des andauernden Strebens zu derselben, die aber nicht als Nationalismus zu verstehen ist. Eine weitere sehr wichtige Einstellung zum richtigen hfrfassen der Geschichte liegt darin, sie nicht immer nur als die jüdische Leidensgeschichte zu betrachten, sondern zu bedenken, daß sie überhaupt die Leiden aller Minderheiten, ja im weiteren Sinne sogar der Menschheit, ausdrückt. Es Wird in der Geschichte durch das immer neue Hervorheben der jüdischen Leistungen betont, daß das Judentum stets den Willen hat, an der Gesamtarbeit der Menschen seinen Anteil zu leisten, und es wird uns gezeigt, wie gerade die Juden am besten dazu geeignet sind. — Um die Geschichte in dieser Art kennen zu lernen, ist ein sehr starker Eifer notwendig, der uns zu ein- 13