Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 10 (1.10.1927)
- Date
- 1927-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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ludischen Mädels. Für diese gibt es, wenn sie in einer fremden Stadt sind, überhaupt niemanden, dem sie sich in der ersten Zeit anschließen können; sie sind völlig darauf angewiesen, sich selbst ein paar Menschen herauszusuchen, mit denen sie harmonieren. Aus diesen Tatsachen geht klar hervor, daß. abgesehen von aHen jüdischen Fragen, d. h. aus rein menschlichen Erfordernissen heraus, eine Heranziehung der Freistudenten zur Jugendbundarbeit nicht nur möglich sein müßte, sondern geradezu eine Lücke ausfüllen würde, die sich bisher bei manchen schmerzlich bemerkbar gemacht hat. Den christlichen Freistudenten erwarten eine Unzahl solcher Bünde, die, aus allen Zweigen des deutschen Partei- und Geisteslebens hervorgegangen, ihn in sich aufnehmen, und ihn zugleich mit der Arbeit für ihren Zweck in eine menschliche Gemeinschaft überführen wollen. Mir sind selbst Fälle bekannt, in denen Menschen nur aus dem einen Grunde in solchen Vereinen, die ihnen gesinnungsmäßig nahestanden, eintraten, um über die Einsamkeit der ersten Wochen hinwegzukommen. Dem jüdischen Freistudenten fehlt ein Kreis, in dem er sich, ohne durch Korporations- oder Gesinnungszwang gebunden zu sein, jüdisch und allgemein geistig betätigen kann, und in dem er Menschen findet, mit denen er gemeinsam in Arbeit und Erholung die Monate, die er in der Universitätsstadt weilt, verbringen kann. Diesen Kreis kann ihm der Jugendbund bieten.. Ehe wir uns aber die praktische Ausführung, d. h die Art und Weise, wie der Jugendbund den Studenten heranziehen und aufnehmen soll, überlegen, müssen wir erst einmal die Gegenfrage stellen, welchen Wert die studentische Mitarbeit für den Jugendbund haben kann. So erstrebenswert es an sich wärt, dem oben geschilderten Mangel abzuhelfen, gehen doch die Ziele unseres Verbandes darüber hinaus, nur ein Heim für junge Juden zu ■ schaffen, die seiner bedürfen. Der Wert studentischer Mitarbeit aber ist durchaus nicht so unbestritten, wie man vielleicht glaubt. Man erzählt sich von einem der bedeutendsten Parteiführer Deutschlands, daß er es prinzipiell ablehnt. Vertreter studentischer Korporationen zu empfangen und deren Arbeit zu Unterstützen, weil er auf ihre Mitarbeit keinen Wert legt. Und in der Tat ist der Mangel an Kontinuität, der durch die äuBeren Verhältnisse des Studentenlebens bedingt ist. ein so bedenklicher Hemmschuh, daß er den Wert jeder rein studentischen Arbeit in Frage stellt. Dabei \ erstehe ich unter „rein studentisch" die Arbeit, die in Organisationen, die nur aus Studenten bestehen, geleistet wird. Der Student wechselt seinen Wohnsitz zweimal, oft sogar dreimal im Jahre, die fünf Monate Ferien^ die er doch meist zu Hau.se verbringt, fallen vollkommen aus, in jeder Universitätsstadt, die er bezieht, findet er einen neuen Menschenkreis, in dem die Arbeit wiederum für drei bis vier Monate völlig neu begonnen werden muß. Für unsere Arbeit aber verliert dieser Mangel seine Bedeutung, denn im Jugendbund handelt es sich ja keineswegs um solche rein studentische Arbeit. Es soll vielmehr nichts anderes erreicht werden, als eine Mitarbeit der Studenten in den an den Universitätsstädten bestehenden 1 lr: - jruppen des Jugendbundes. Hier fiele der Mangel an Kontinuität vollkommen weg, denn diese wäre ja durch das von den Studenten unabhängige Bestehen und Arbeiten der Vereine gesichert. Die Frage ist nun, ob der Jugendbund von dieser sporadischen Mitarbeit an den bestehenden Vereinen einen Nutzen hat. Und diese Frage ist meines Erachlens unbedingt zu bejahen. Zunächst ist unbestreitbar ein beträchtlicher Nutzen für den Augenblick vorhanden. Der Student ist in der La£e, durch die Anregungen, die er in der Universität empfängt, außerordentlich befruchtend auf die geistige Arbeit einzuwirken. In landschaftlich schön gelegenen Universitätsstädten wird er sich außerdem an Wanderungen lebhaft beteiligen, denn er hat. wenigstens in den ersten Semestern, viel mehr Zeit als die Jugend in anderen Berufen. Ferner käme durch das häufige Wechseln des Wohnsitzes ein Austausch unter den Ortsgruppen in den entferntesten Gegenden zustande, die Studenten würden ein lebendiges Band zwischen den einzelnen Vereinen bilden. Der zweite Hauptvorteil aber läge darin, daß man in den jüdischen Akademikern ein Fübrermaterial für die Zukunft gewonnen hätte, das geeignet wäre, das geistige Niveau und den Bestand unserer Arbeit ein für allemal sicherzustellen. Somit kann auch die Jugendbundarbeit in erheblichem Maße von den Studenten gefördert werden, und es ist geradezu eine Pflicht des Jugendbundes, sie zur Mitarbeit heranzuziehen. So einfach also theoretisch die Dinge in dieser Beziehung liegen, so sehr wird auf d-er andern Seite allerdings durch rein äußerliche Hindernisse ihre praktische Ausführung erschwert. Die Hauptschwierigkeit liegt in der Erfassung der Freistudentenschaft. Es ist an sich schon außerordentlich schwer, die Freistudenten heranzuziehen, weil sie ja eben, ihrem Wesen nach unverbunden und jeder nur von seinem Willen abhängig, viel schwerer aufzufinden und zu einer Gemeinschaftsarbeit zu bekommen sind, als Verbindungsstudenten, bei denen eine Anordnung der Korporation genügt, um sie zunächst einmal zu vollzähligem Erscheinen zu veranlassen. Ueber diesen Mangel kann man bei jeder Univcrsitätsveranstaltung immer wieder Klagen hören. Bei den jüdischen Freistudenten erschwert sich das ganz besonders dadurch, daß man zu rein äußerlichen Dingen, wie Beschaffung von Adressenmaterial und Uebermitllung von Mitteilungen unbedingt die Hilfe der Universitätsbehörden benötigt. Diese sind durch ihre oft antisemitische Einstellung aber natürlich daran interessiert, keine neuen jüdischen Vereinigungen aufkommen zu lassen und verweigern die primitivsten Dinge, wie etwa Gewährung eines Anschlagbrettes in den Wandelgängen und dergleichen. Wie jedoch aus den «ibigen Schilderungen der Verhältnisse hervorgeht, ist es von allergrößter Wichtigkeit, kurz nach der Ankunft in der Universitätsstadt schon an die Studenten heranzutreten. Dafür sehe ich trotz aller Schwierigkeiten zwei Wege. Erstens muß vom Jugendbund aus dafür gesorgt werden, daß all die Studenten, die aus einer Stadt kommen, wo eine Ortsgruppe existiert, sich mit dem Ortsgruppenleiter in der Universitätsstadt in Verbindung setzen. In den Nummern vor Semesterbeginn, d. h. in den Oktober- und Aprilnummern des Jugendbundes müssen deshalb die Anschriften der Ortsgruppenleiter in den Universitätsstädten veröffentlicht werden. Diese Studenten, die dadurch zur Verfügung stehen, werden natürlich eine verhältnismäßig geringe- Zahl sein, doch können diese wenigen dann durch Beschaffung von Adressenmaterial und persöriliche Rücksprache zur Gewinnung eines größeren Kreises beitragen. Zweitens aber darf man den Kampf um einen offiziellen Platz im Universitätslebcn nicht aufgeben. Zunächst einmal müßte es dem .lugendbund ebenso wie den jüdischen Verbindungen möglich sein, vom Sekretariat kurz nach der Immatrikulation das Adressenmaterial zu bekommen. Es ist Aufgabe der Ortsgruppenleiter, immer wieder dieserhalb vorstellig zu werden. Und wenn man schon kein Anschlagbrett in den Wandelgängen der Universität bekommt, so ist das ja auch noch kein Unglück. Die anderen Jugendbundmitglieder werden ja auch einzeln erfaßt, warum soll man den paar Studenten nicht Einzeleinladungen schicken können? Ferner erscheinen an den Universitäten oft akademische Mitteilungen, eine Zeitung, in der man sich bemerkbar machen müßte: das gleiche gilt für die Universitätsführer, in denen alle Korporationen und Vereine aufgeführt sind, also auch Platz für den Jugendbund sein wird, wenn man energisch darauf dringt. Es gibt auch hier durchaus Möglichkeiten, die zweifellos vorhandenen Schwierigkeiten zu beheben, besonders da man sich doch darüber klar sein muß, daß es nicht darauf ankommt, eine große Masse zu gewinnenrsondern daß es sich stets um eine Anzahl von etwa zehn bis zwanzig Studenten und Studentinnen handeln wird. Vor allem werden zunächst die kleineren und mittleren Universitätsstädte in Frage kommen, in diesen aber muß man der Schwierigkeiten Herr werden können. Wenn die jungen alleinstehendenFreistudenten in eineOrtsgruppe kommen, wo sie sich wohlfühlen, deren Arbeitsweise ihnen zusagt, und wo sie unter Mitgliedern und Kommilitonen Menschen finden, die zu ihnen passen, so werden sie sich auch ihrerseits freudig betätigen. Gelingt das aber, so ist nicht nur das Leben der Ortsgruppe durch neue Kräfte befruchtet, sondern Studenten und lugendbund, die beide einander brauchen, können vereint im Dienste des Judentums wertvolle Arbeit leisten. 4