Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1927-05-05 · 9 (5.5.1927) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
9 (5.5.1927)
Date
1927-05-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6492456-6352305-6352511--0380-4928565
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

ugen ■^Jüdische Bläser Mitteiloigefl des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands 14. JAHRGANG / Nr. 5 der »üdlichen Blätter Düsseldorf, den 5. Mai 1927 3. JAHRGANG / Nr. 9 I de* J uge ndbundei Aus dem Inhalt: Jugendlichkeit. Von Rabbiner Dr. Rülf, Bamberg. — Sephirah. Von Rabbiner Dr. Alfred Lew, Bonn. Aus andern Lagern. — Sozialwirtschaftlicher Umbau des osteuropäischen Judentums. Vortrag von Dr. A. Singalowsky, Berlin. — Neue Bücher. Besprochen von Dr. Hugo Hahn, Essen. — Randbemerkungen. — Für unsere Jüngsten. — Zu einem Buche. — Jüdische Publizisten der Gegenwart. Von Heinz Kahn. — Wandern und Sport. — Aus dem Leben des Verbandes. — Mitteilungen der Verbandsleitung.— Zum Adressenverzeichnis des Verbandes. — Vereinsnachrichten. Jugendlichkeit! Von Rabbiner Dr. Rülf, Bamberg. ./ Was ist Jugendlichkeit? Die volkstümliche Antwort lautet meist so: Jugendlichkeit ist Frische des Geistes, des Körpers und der Seele. Oder: Jugendlichkeit ist Begeisterungsfähigkeit, Bereitschaft zur Sclbsthingabe und Selbstaufopferung. Meist wird auch noch ein Charakteristikum hinzugefügt, daß negativ sein soll: Jugendlichkeit ist, Unreife und Unfcrtigkeit. Das Letzte ist nun aber tatsächlich nicht bloß ein Negatlvum, .; * rn ein Positivum, von dem die Definition des Begriffes der Jugendlichkeit ausgehen kann. Die Jugend ist nicht „fertig", d. h , sie ist noch wandlungsfähig, sie steht nicht still, sie wird immer 'wieder neu. Dieses erste, die Wandlungsfähigkeit, ist aber nicht zu verwechseln mit Unsteligkcit. Fs ist nicht die leichtfertige Lust am Neuen, an der Abwechslung, die in der Jugend wirksam ist, sondern ein Suchen, ein ehrliches Prüfen eigener und fremder Erkenntnisse und ein ständiges Revidieren dieser Erkenntnisse. Es folgt also aus der Wandlungsfähigkeit die Kritik. Beim wahrhaft jugendlichen Menschen aber ist die Selbstkritik vielleicht noch schärfer und rücksichsloser als die Kritik der außerhalb des Ich befindlichen Dinge und Einsichten. Denn oberstes Gesetz muO die Wahrhaftigkeit sein. Nichts wird entschiedener abgelehnt als Opportunismus; Rücksichten auf Stand, Beruf und Gesellschaft fallen fort; Vorurteile einer wirtschaftlichen und sozialen Rangordnung werden ausgeschaltet. Die Jugend strebt in Unbedingtheit des Herzens nach dem Absoluten. Hier sind Wir schon bei der zweiten Komponente angelangt: wahre Jugeid ist gläubig. Wenn sie eine Kritik übt, so ist es eine Kritik um idealer Ziele willen. Wenn sie revolutionär ist, so will sie mit ihrem Niederreißen nur Platz schaffen für den Bau eines Neuen und Besseren. Sie glaubt an den Sieg überzeitlicher und überindividueller Wahrheiten. ' Sie strebt nach ihrer Verwirklichung und kämpft für sie in treuer Gefolgschaft. Man nennt ein Solches Verhalten religiös, — wenn es sich auch vielfach auf Ideale erstreckt, die mit den Idealen der herrschenden Religionen gar keinen oder nur einen losen Zusammenhang haben. Das Verhalten des jugendlichen Menschen schließt also ein Doppeltes in sich, das sich scheinbar widerspricht: Kritik und Gläubigkeit. Es ist hier etwas von jener „Unvereinbarkeit - des Zusammengehörigen", von der Max Brod in seinem Buche „Heidentum, Christentum. Judentum" spricht. Kritik und Gläubigkeit gehört in einer höheren Sphäre zusammen. Kritischer Wahrheitsdrang erfordert geradezu als seine Ergänzung und Vollendung die gläubige Friedenssehnsucht. Aber die Jugend hat dies« Vereinigung noch nicht gefunden. Sie ist noch naiv, d. h. unmittelbar gegenüber dem Geiste. Sie wird zwischen These und Antithese hin- und hergeworfen und empfindet tief die Tragik dieses Konfliktes.. Sie weiß" noch nichts ron einer Synthese auf höherer Stufe und verdächtigt die Synthese als faules Kompromiß. Die Jugend ist noch unausgeglichen. Das ist eine Schwäche und eine große Kraft zugleich. Denn diese Unausgeglichenheit verhindert, die Erstarrung. Das unmittelbare Gegenübertreten der beidVn Kräftegruppen ermöglicht tausend verschiedene Verbindungen und immer neue Kombinationen. Das geistige Leben des Jugendlichen ist noch im Fluß. Er ist im besten Sinne schöpferisch, wenn auch seine konkreten Leistungen noch nicht auf der höchsten Höhe angelangt sind. Dieses Element der Jugendlichkeit nach der gegebenen Definition finden wir besonders stark ausgeprägt bei jüdischen Menschen der Vergangenheit und Gegenwart. Ja, man darf sagen, daß die immanente Kraft der Jugendlichkeit das eigentlich Bewegende und Schöpferische im jüdischen Geistesleben und in der jüdischen Geschichte ist. Das läßt sich insbesondere an den beiden Hauptleistungsgebieten des jüdischen Geistes, am Prophetismus und Talmudismus, nachweisen. Aber wir wollen in den Spalten dieser Zeitschrift keine historisch-wissenschaftlichen Erörterungen anstellen, sondern nur fragen, ob das Element der Jugendlichkeit auch in der heutigen jüdischen Jugend wirksam ist. Sind wir jungen jüdischen Menschen kritisch? Sind wir gläubig? Empfinden wir den Konflikt der Unausgeglichenheit dieser beiden Kräfte? Man ist leicht geneigt, die erste Frage ohne weiteres zu bejahen. Der jüdische junge Mensch betätigt sich in der Tat vielfach stark kritisch, und oft wird gesagt, es sei zuviel der Kritik und der Anmaßung. Diese tadelnden Urteile sind deshalb häufig berechtigt, weil , die Kritik nicht immer jene, eingangs dargestellte reine Form bewahrt. Denn sie verliert leicht jenes hohe Wahrheitsstreben, jene Vorurteilslosigkeit und Unbedingtheit. Echte Kritik wird so verfälscht zu lieblosem Nörgeln. Leider finden wir dieses unschöpferische Nörgeln viel zu häufig in unserer Mitte, — und viel zu selten eine ehrliche und freimütige Selbstkritik. Das ist ein sehr ernstes Problem, über das diejenigen jungen jüdischen Menschen, die nach wahrer Jugendlichkeit streben, sehr ernsthaft nachdenken sollten. Aber noch größer sind die Mängel da, wo es um das zweite und Wichtigste geht. Warum zeigt das kritische Verhalten der neuen Jugend sein wenig erfreuliches Antlitz? Warum ist es nicht mehr jene begeisterte und hingebungsvolle Opposition gegen eine. Gesellschaftsform, die im Kriege ihren Bankrott gemacht hat? Weil seit den ersten Nachkriegsjahren der Wille zu einer neuen Lebensgestaltung überhaupt nachgelassen hat. Wio ist der Schwung und die Begeisterung jener Jahr* geblieben, da die Jugend in heißem Bemühen um die Verwirklichung neuer Ideen rang? Wo ist die Gläubigkeit und <ü«g Zuversicht und der. frohe .Kampfeswille? Daß die älteren inzwischen aus dem eigentlichen Jugendalter herausgev»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.