Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1926-08-12 · 14 (12.8.1926) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
14 (12.8.1926)
Date
1926-08-12
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6492456-6352473-6352491--0185-4928387
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Gipfel kommen, jeden zu lieben. Heilig sei dir Leben, Ehre und Besitz des andern. Du sollst nicht morden, heißt's im Zehngebot. „Ihr sollt nicht kränken einer den andern" und „Du sollst nicht als Verleumder umhergehen" mahnt die Tora. (Lev. 19, 16.) Wie ja das Wort, du sollst nicht stehlen, auch in der Form eingeschärft wird: „Du sollst deinen Nächsten nichts vorenthalten." Lev. 19, 13.) „Der Frevler borgt und bezahlt nicht, der Fromme dagegen ist mildtätig und gibt." (Ps. 37, 21.) „Verrücke nicht die alte Grenze und in der Waisen Felder dringe nicht ein." (Mi. 23, 10.) Darum ist strenge Ehrlichkeit im Handel und Wandel heilige Pflicht. „Wenn ihr einen Verkauf ausführet mit dem Nächsten oder etwas kaufet aus der Hand des Nächsien. SO sollt ihr einer den andern nicht übervorteilen." (Lev. 25, 14.) „Ihr sollt nicht unrecht tun im Rechtsausspruch, im LängenmaO, im Gewichte und Hohlmaße. Gerechte Wege, gerechte Gewicht«, gerechte Maße sollt ihr führen: Ich bin der Ewige, euer Gott, der ich aus dem Lande Aegypten euch geführt habe. (Lev. 183, 5. 36.) Unbestechliche Gerechtigkeit ist bei jeder Art des Richten« göttliche Vorschrift: - „Richter und Heamle sollst du dir einsetzen in allen deiner Tora, die der Ewige, dein Gott, dir gibt für deine Stämme, di'j sie das Volk richten nach gerechtem Urteil." (Dt. 11, 18.) „H irt eure Rrüder untereinander und entscheidet gerecht zwischen einem Manne und seinem Bruder und seinem Frcmdli . Achtet auf keine Person in Gerichten, den Geringen wie tien Vornehmen höret, fürchtet euch vor niemand, denn das Ccrirht ist Gottes." (Dt. 1, 16—17.) „Bestechung sollst du nicht annehmen, denn die Bestechung Mendel die Sehenden und verkehrt die Worte-der Gerechten." (Ex. 23, 8.) ,,Lin Gt.selz soll sein für den Eingebogenen und den Fremdlin;. der sich' in eurer Mille aufhält." (Ex. 12, 49.) . Du s, IN! nicht als falscher Zeuge aussagen wider deinen Nii iisten." |Ex. 20, 13.) Durch peinliche Gewissenhaftigkeit gc^en das Recht des Nebenmenschcn wird Streit und llider gemieden und 'ein friedliches Verhalten angebahnt. „Das Werk der Gerechtigkeit ist Friede." (Ps. 32, 17.) Frieden zu hallen gebietet die Religion: „Suche den Frieden, jage ihm nach." (I's. 34, 5.) Hillcl lehrte: „Sei ein Jünger Arons, liebe Frieden, jage ihm nach, so liebst du die Menschen und führst sie zur Gotteslehre"; und ein anderer Weiser sagt: „Der Mensch lebe stets in Frieden mit Brüdern und Verwandten und mit jedem Menschen, auch mit den Heiden." 8. Im Dienste der Güte und Wohltätigkeit. Nach jüdischer Auffassung ist auch das Werk der Liebe ein Dienst der Gerechtigkeit. Der Weg des Ewigen, den Abraham seinen Kindern zeigte, ist Mischpot uzdokoh: Recht und Gerechtigkeit, wobei in dem Begriff zedoko auch das, was wir Liebe und Güte nennen, mitschwingt. Recht "heißt Trutz dem Schlechten, Liebe heißt Schulz dem Schwachen. Ts ist eine Tat der Gerechtigkeit, dem Hilfsbedürftigen beizustehen, denn er hat ein Anrecht von Gott aus auf unsre Güte und Reitling. Zumal gegenüber denen, die in Not und Druck leben und von uns abhängig sind, ist Güle und Schonung zu bekunden. Die Armen sollen reichlich unterstützt werden: „Du darfst, dein Herz nicht verhärten und dein Haus nicht verschließen dcn.cn dürftigen Brüdern, öffnen, öffnen sollst du ihm dein Haus und ihm leihen genügend für seinen Mangel, der ihn drückt." (Dt. 15, 7, 8.) Einstens hatte der Arme das Recht, bei der Ernte die Ecke, die vergessene Garbe und die Nachlese als sein Ligen zu betrachten. Die' spätere Satzung sorgte für Volksküche und Armenkasse: ein Zehntel des Einkommens soiile icxler wohltätigen Zwecken zuführen. Und zwar soll gern, heimlich und mit Opferwilligkeit gegeben werden. „Wenn unter djr ein Dürftiger sein wird, sollst du ihm gern heimlich opferwillig geben, dein Herz sei nicht mißgestimmt, wenn du ihm gj' (Dt. 15, 10.) Zinsfreies Darlehn wird besonders cmpl ' i / i gewähren. . „Wenn du meinem Volke, dem Armen n<! i n ...r, Geld leihst, so sollst du ihm nicht wie ein Schuldeintrcilx r sein, Zins dürft ihr überhaupt nicht auferlegen." Ex. 21, 27.) Das Pfandrecht ist durch den Geist der Liebe zu beschränken: „Man soll nicht Hausmühle uJer oberen Mühlstein als Pfand nehmen, das h'cße das Leben selbst zum Pf.inde nehmen." (Dt. 24, 6.) „Wenn du das Obergewand deines Nächsten zum Pfände nimmst, so sollst du es ihm bis zum Sonnenuntergang zurückgeben, denn sein Mantel ist seine einzige Körperdecke. Womit könnte er sich sonst auf seinem Lager zudecken. (Ex. 23. 25, 2*,) Und welche zartsinnige Rücksicht spricht aus dem Goltesworte: „Wenn du deinem Nächsten ein Darlchn gewährst, so darist du nicht in sein Haus treten, um sein Pfand zu nehmen." (Dt. 24, 10.) Besondere Rücksicht wird für. Witwen, Waisen und Fremdlinge verlangt: „Einen Fremdling sollst du nicht kränken und drängen. Witwen und Waisen sollt ihr nie bedrücken; wenn du sie beelrückst und s.ic zu mir rufen — so h.'-re ich ihr Geschrei. ILx. 22, 2J-21.J/. (Fortsetzung folgt.) Gerechtigkeit Zum Wocbrnabschniit Schauliir Zwei Grundsätze! sozialer Forderung erscheinen dem gewöhnlichen Denken unvereinbar: Gerechtigkeit und Liehe. Dem Judentum ist oft zum Vorwurf gemacht worden, daß es den Gedanken der Gerechtigkeit zu sehr in den Vordergrund stelle auf Kosten des Gedankens der Nächstenliebe. Allerdings kennt das Judentum kein Beugen der Gerechtigkeit aus irgendeii cm Cefühle heraus, es verurteilt ebenso das Abweichen vom Pfade des Rechtes zugunsten des Mächtigen und Reichen, wie zugunsten des Armen und Schutzlosen. Gerechtigkeit und Liebe "sind zwei Richtlinien, die parallel nebeneinander herlaufen können und sich nicht zu schneiden brauchen. Ja, höchste Gerechtigkeit ist nach der Anschauung der Heiligen Schrift zugleich auch höchste Menschenliebe. So verstehen wir den Satz unseres Wnchcnabschnittes: Zedek, zedek, tirdauf, „Gerechtigkeit, Gerechtigkeit sollst du nachstreben".. Gerechtigkeit ist kein Gefühl, das uns angeflogen kommt, sondern wir müssen es mit heißem Bemühen in uns großzuziehen versuchen, und wenn es auch ein Gefühl ist, das zunächst vom einzelnen ausgeht und den einzelnen betrifft, so bezieht es sich, doch vorwiegend auf den anderen. Man sage nicht, „mein Recht wurde nicht verletzt, was kümmert's mich, was den anderen betrifft"; jeder einzelne ist verantwortlich für die Wahrung des Rechtes der Allgemeinheit, so wie jeder einzelne in der Verletzung des Rechtes mitberührt wird. Die Beugung des Rechtes bedeutet eine Störung des Verhältnisses zu den anderen Menschen, unser eigenes Recht, unser eigener innerer Friede hängt davon ab, daß das Recht und der innere Friede des Nächsten gesichert seien. Wenn . Von Rabbiner Dr. Klein. ,\ das Recht des einzelnen gefä'.irdtl wird, so isi damit die Gesamtheit in ihrem sittlichen Bestände beJroht. Darum ist der Salz „Liebe deinen Nächsten wie djeh seihst" nicht etwa gejjen den Grundsatz der Gerechtigkeit gerichtet, sondern im Gegenteil seine Bekräftigung. Liebe besteht nsch Auflassung der Heiligen Schrift in der gerechten Beurteilung und Behandlung des anderen, der ebensogut ein Stilck der Schöpfung Gottes ist wie wir selbst. Deshalb ist es dem wahrhaften Juden eine Unmöglichkeit, stillzustehen beim Blute des N'ichsten, sich abzuwenden, wenn es um etwas geht, was nicht ihn selbst,' sondern nur den anderen betrifft. Die Folge dieser Anschauung ist ein starkes Gemeinschaftsgefühl, manchmal sogar übertriebene Empfindlichkeit gegeiyüher der Ungerechtigkeit, ob sie nun uns selbst oder andere trifft. Der Jude hat im Lnufe seiner Geschichte zu viel Ungerechtigkeit erfahren, um stillschweigen zukönnen, wenn irgendwo ein Unrecht geschieht. Hier haben wir die Erklärung dafür, daß sich Juden allenthalten auf die Seite der Unterdrückten und Angegriffenen stellen, nicht nur, wenn es sich um Juden oder um das Judentum handelt. Aus Menschen wie Karl Marx, Gustav Landauer, Trotzki, Rosa Luxemburg wirkt, trotzdem sie alle mit dem Judentum keine Beziehung mehr hatten, die jahrtausendelange Erziehung der jüdischen Lehre. Gerechtigkeitsgefühl wirkt sich bei ihnen zu wahrhafter Menschenliebe aus. Wohl uns, wenn wir dieses Erbe der Väter in uns wach erhalten. Fern bleibe uns die Art moderner Jugend, die, beeinflußt von engem Parteigeist, den freien Blick der Gerechtigkeit, die wahre Liebe bedeutet, verloren hat. - 13 -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.