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Der Jugendbund · 1926-07-01 · 11 (1.7.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
11 (1.7.1926)
Date
1926-07-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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der Handelshochschule Berlin. Die politischen und wirtschaftlichen Zustände machen es zahlreichen Existenzen schwer oder unmöglich, sich in ihrem bisherigen Berufe weiterzubetätigen und darin ihren Unterhalt zu finden. Dies gilt namentlich für Juden. Es stellt sich oft die Notwendigkeit heraus, notleidende Menschen aus einem Beruf in einen anderen, lohnenderen überzuführen. Sa war eine Zeitlang eine Uehcrfüllung des juristischen Berufes festzustellen, die Umstellungen nötig machte, wenn auch zur Zeit durch die mit den Aufwertungsgesetzen verbundenen Arbeiten der Berufe des beamteten und freien Juristen einkömmlich wurde. Die Fürsorge sucht da, wo aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen die Tätigkeit als Kaufmann oder als mittlerer Beamter unlohnend oder unmöglich geworden ist, ihre Pflegebefohlenen dem Handwerk zuzuführen, das noch immer seinen goldenen Boden hat und behalten wird. Dr. Felix Teilhaber, Berlin, besprach jüdische Bevölkerungsfragen. Für diese kommen in erster Reihe die östlichen Randgebiete Deutschlands in Betracht, die russisch-- polnischen Grenzländer. Die Zahl der Juden in Rußland hat sich in den letzten hundert Jahren von einer Million auf zehn Millionen vermehrt, von denen die widrigen wirtschaftlichen Verhältnisse etwa drei Millionen zwaagen, nach Westen auszuwandern, nach Deutschland, England, Amerika. Die beklagneswerten Zustände, die bei den östlichen Juden festgestellt werden und bis zur Kriminalität führen, sind vielfach ein Ausfluß dieser Uebervölkerung. Die Schwierigkeiten, die Juden bisweilen finden, sich in anderen als den ererbten Berufen zu betätigen, führen dazu, daß diese überfüllt werden und so zu bedauerlichen Unzuträglichkeiten führen; man denke hier an die Ueberfüllung des Berufes der Viehhändler in Hessen-Nassau. Notwendig ist eine körperliche Ertüchtigung der jungen Menschen, und aus diesem Grunde ist dafür zu wirken, daß die jüdischen Ehen nicht mehr rein vom wirtschaftlichen Standpunkte aus geschlossen werden, daß nicht körperlich oder geistig minderwertige Menschen, weil etwa ihre Vermögensverhältnisse reichliche sind, die Ehe miteinander eingehen und eine beklagenswerte Nachkommenschaft erzielen. Der Redner forderte weiter, die Jüdin als Mutter auszubilden, und namentlich verlangt er für die Ertüchtigung der Jugend Sportplätze. Ein Sportplatz ersetze drei Krankenhäuser. Ferner trat er, unter gemischtem Beifall der Zuhörer, für eine Steuer der Kinderlosen zugunsten der Kinderreichen ein. Jedenfalls sei den Kinderreichen in jeder Beziehung der Weg zum Erwerb zu erleichtern. Obermagistratsrat Dr. Ollendorff vom Städtischen Jugendamt Berlin behandelte jüdische Jugendnot und Jugendhilfe. Letztere sieht einen großen Teil ihrer Aufgaben in der Hebung der durch die Wohnungsnot entstandenen Unzuträglichkeiten, die durch die östliche Einwanderung noch vermehrt worden seien. Tuberkulose sei hier stark aufgetreten als Folge der allgemeinen Familiennot. Dazu komme, daß die Mütter allzu unerfahren seien in der Kinderpflege und die Männer in der Erziehung. Es sind dahir jüdische Fürsorgeanstalten gegründet worden, aber leider bisher in ungenügender Zahl, so daß viele jüdische Kinder in christlichen Anstalten untergebracht werden mußten, was auf die Kinder mit Rücksicht auf religiöse Fragen nicht angängig sei. Auch den schulentlassenen Mädchen und Knaben sei eine besondere Aufsicht und Fürsorge zu widmen. Auf diesem Gebiete hätten die Jugenilvereine eine wichtige Aufgabe. Das Jugendamt und das Wohlfahrtsamt müßten zusammenwirken, damit keine Isolierung eintrete. Der Redner wünschte eine tiefgehende soziale Ausbildung für die in der Jugendhilfe tätigen Personen unter Mitarbeit der Rabbiner .und Lehrer, ferner die Errichtung von Lehrwerkstätten, um gelernte Arbeiter heranzubilden. Vor allem aber verlangte er, daß die Jugendpflege selbst jung bleibe, um von der Jugend »erstanden zu werden, Hilde Ottenheimer von der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden sprach zu dem gleichen Thema; sie glauMt feststellen zu können, daß es sich mehr um eine geistige als um eine wirtschaftliche Not handele. Am Nachmittag fand eine Führung durch den Pavillon für jüdische Hygiene .in der Gesolei durch Rabbiner Dr. Eschelbacher statt, an die sich die Vorführung des jüdischen WohKahrlshlms im Kino der freien Wohlfahrtspflege anschloß. Im Rahmen eines Abschnittes aus dem jüdischen Familienleben wurden in sinnfälligen, populären Darstellungen die einzelnen jüdischen Wohllahrtsanstalten vorgeführt: — Wir sehen den mustergültigen Betrieb der Jugendfürsorge, der Hauspflege, der Berufsberatung, die umfassenden Einrichtungen . eines großen Krankenhauses. Aber nicht nur in Berlin, auch an anderen Orten und namentlich auf dem Lande hat jüdische Wohltätigkeit mustergültige Heime für schwächliche Kinder und Erwachsene, geschaffen, ferner: landwirtschaftliche Betriebe, gleichzeitig jungen Leuten Gelegenheit gegeben, sich im Feld- und Gartenbau auszubilden. Auch ein Altersheim "fehlt ^nicht. Im ganzen bestehen zur Zeit, im Deutschen Reiche 200 judische Pflege-, Fürsorge- und Krankenanstalten, nicht eingerechnet die große Zahl der Kindergärten und der gemeindlich besorgten freien Hauspflege. Mit Befriedigung nahmen die zahlreichen Zuschauer von allen diesen Einrichtungen Kenntnis, auf die die jüdischen Gemeinden mit Recht stolz sein können. Der Vormittag des dritten Tages war durch Sitzungen ver schiedener Arbeitsgemeinschaften ausgefüllt, deren Gegenstand die Behandlung interner Fragen bildete. In der Nachmittagssitzung in der Aula der Luisenschule sprach Georg L u b i n s kj , Berlin, über das: Sozial« Programm der jüdischen Jugend. Der Redner kennzeichnete die Jugendbewegung als eine Krankheit der Gemeinschaft, gleichzeitig aber auch als heilenden Faktor, um diese zu erneuern. Es schweben der Jugend ideale Ziele vor für eine gemeinschaftliche Aenderung der bestehenden, nach ihrer Ansicht veralteten Verhältnisse. Hier können Wohlfahrtspflege und Jugendbewegung zusammenarbeiten, um die Hemmnisse zu beseitigen, die im Zug und Druck der Zeit die einzelner Menschen zermürben. Es hat aber auch die Jugendbewegung in ihrem stürmischem Freiheitsdrang die Ziele nicht zu weit zu stecken. Die Jugendbewegung, die sich sozial betätigen will, muß sich Kenntnis von dem verschaffen, was sich ihrem revolutionären Drängen entgegenstellt. Das erkennt sie durch Verstehen des von einer älteren Generation in der Wohlfahrtspflege segensreich Geschaffenen., In diesem Sinnt ist ihre Mitarbeit nicht nur förderlich, sondern sogar sehr erwünscht. In England wurde, so führte der Redner aus, von den Studierenden gewisser Disziplinen verlangt, sjch durch soziale Arbeit mit dem Leben und den Leiden der untersten Klassen bekannt zu machen. Es sei zur gemeinsamen sozialen Arbeit nötig, daß vom Standpunkt der Erwachsenen die Jugend verstanden und nicht als unfertig und unvollkommen betrachtet werde. Dann hat aber die Jugend zu beweisen, daß es ihr gelingt, den Geist der Hilfe, der in ihr lebt, in der gesamten jüdischen Gemeinschaft auszubreiten und so ein Teil des Geistes dieser Gesamtheit zu werden. Rabbiner Dr. Eschelbacher, Düsseldorf, bewies an Hand von ulebnissen aus seiner Jugend, wie die Lust zur Betätigung in der Wohlfahrtspflege und ein erfolgreiches Arbeiten nicht |{<schaffen werde durch bloßes Mit tun, sondern durch Mitfühlen. Eine wichtige Aufgabe der Wohlfahrtspflege sei, Menschen aus ihrer Vereinsamung zu ziehen, und hier könnten sich jung und alt in gemeinsamer Arbeit zusammenfinden. Zum Schluß forderte Rabbiner Dr. Klein, Düsseldorf, die anwesende Jugend auf, von der ihr innewohnenden Freudigkeit etwas dem Alter und den Kranken mitzuteilen. Hierdurch werde schon ein gutes Stück sozialer Arbeit geleistet. Erna Philipp, Bochum. Die zehnte Delegiertentaguüg des Jüdischen Frauenbundes in Düsseldorf vom 8.-10. Juni 1926 Die zehnte Delegiertentagung des Jüdischen Frauenbundes Berlin fand anläßlich der Großen Ausstellung innerhalb der Düsseldorfer Fraueawoche im Anschluß an die Tagung der Zentralwohliahrtsstelle Berlin vom 8. bis 10. Juni statt. Eine stattliche Anzahl von Teilnehmern hatte sich aus ganz Deutschland eingefunden, um dieser Tagung beizuwohnen. — 3 —

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