Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 6/8 (Oktober/Dezember 1919)
- Date
- 1919-10-01
- Page
- Seite 185 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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185 würdigen zu können. Aber gerade weil ich nicht als wirklichkeitsfremder Schwärmer an diese Fragen herantrete, bin ich mir der Schwierigkeit bewußt im Augenblick von Deutschlands tiefstem wirtschaftlichen Stand auf Einzelheiten einzugehen. Deshalb erachte ich es auch als ange-zeigt, diesen Teil meines Referates im wesentlichen auf die diesbezüglichen Leitsätze einzuengen und hier die Leitsätze weniger als eine Art Disposition gelten zu lassen, denn als kurzgefaßte Ratschläge für die Richtung unserer Arbeit. Ich darf mich -hier umso mehr bescheiden, als ja die jüngste Ausgabe unserer „Mitteilungen" aus der berufenen Feder eines Rational-Oekonomen, des Herrn vr. Baum von der Berliner Handelshochschule, einen gut orientierenden Aufsatz über Gründe des Gebots der Berufsumschichtung für die deutschen Juden und die Aussichten auf deren Verwirklichung brachte. Zu meiner aufrichtigen Freude stimmt der Verfasser in der Betonung dessen,' was er unter allen Umständen als nötiig und möglich hält, mit nrir überein, im Rufe nach der Ausbreitung des Handwerks unter den Juden und nach der Erwünfchtheit ihrer Hinführung zur Mutter Erde. Diese Uebereinstiinmung ist freilich eine lÄlbstöcrständlichkeit. Tenn das Verlangen nach anderer beruflicher Gruppierung erwuchs aus dem Zwange der Not und dem Drange zur Erhaltung unserer Art, d. h. der für mein Gefühl besonders wertvollen deutschen Gruppe der Judenheit. Nicht, wie Mehrfach spöttisch, aber in völliger Verkennung des Tatbestandes gemeint wurde, aus Furcht vor dem Ueberhandnehmen des Antisemitismus wegen der eigenartigen Struktur der deutschen Juden nach Berufsständen wird die Notwendigkeit einer beruflichen Umschichtung immer lauter verkünd det. Dem waschechten Antisemiten wird jedes Gesicht der Juden, ob es sein wirkliches oder das berufsständische seiner Gesamtheit sei,. verhaßt bleiben. : Nein, nicht aus Abwehr-Reaktion auf Mißgunst und Neid wird eine grundlegend andere berufliche Gliederung verlangt, sondern aus der Erkenntnis heraus, daß die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands in Richtung des vorwiegenden Industrie- und Agrarstaates die wirtschaftliche Verelendung der Juden zur Folge haben müßte, wenn sie ihr altberühmtes Anpassungsvermögen nicht, wieder einmal bewährten. Es muß bei solcher Tendenz der staatlichen Wirtschaft eines Tages zu einer Katastrophe für die Mehrzähl der Juden kommen, die im Jahve 1907 in der Landwirtschaft nur zu 1,02 Prozent gegenüber 28,91 Prozent auf Seiten der Christen beteiligt waren, zur Industrie 22,59 Prozent gegenüber 42,93 stellten, dagegen im Handel und Gewerbe mehr als die vierfache Beteiligung (55,24 :13,02 Prozent) austviesen, in den freien Berufen (Jurisprudenz und Medizin) überwogen (16 61 :5,50 Prozent) und fast doppelt soviel Selbständige ohne Beruf umschlossen (14,21 :8,32 Prozent). Wollen wir, meine Freunde, auch auf diesem Gebiete das einzig Erfolg verheißende, nämlich das die Ursa-h' treffende Heilverfahren anwenden, so müssen wir uns klar machen, daß an der eigenartigen berufsständischen Gliederung neben. Rücksichten auf das Religionsgesetz der Sabbath-Heiljgung, neben dem Fortwirken des früheren Ausschlusses der Juden von vielen Berufen ganz besonders die 3