Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 3/5 (Juli/September 1919)
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 143 (sequence 95)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4926451-6352298-6352429--1890-4927978- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 143 Dr. Apfel-Berl n: Meine verehrten Freunde! Ich habe im Laufe der letzten halben Stunde verschiedene Notizen als Stichwortc zusammengekritzelt. Ich werde kaum imstande sein, sie zu entziffern, denn ich bin zu errngt, um Ihnen jetzt in der streng logischen Form wie ich es heute mr rgen in meinem Referat versuchte, das sagen zu können, was ich Ihnen in dieser Stunde sagen mutz. Ich bitte, es mir deshalb nicht übel zu nehmen, wenn ich nicht die hochoffizielle Form des Verbandsleiters wähle, sondern einfach vom Herzen herunterrede. Sie würden mich zu ganz besonderem Danke verpflichten, und es wird apch aus meiner Rede sachlich am meisten herausspringen, wenn Siel so liebenswürdig wären, mich durch Zwischenrufe in diesem Falle möglichst wenig zu unterbrechen. Hören Sie meine Rede an als die Rede jemandes, der zehn Jahre lang seine ganze Kraft für Ihre Beilegung eingesetzt hat. In dieser Stunde darf ich es vielleicht selbst einmal sagen, vielleicht wäre diese Bewegung ohne mich nicht zustande gekommen, nicht über schwierige Zeiten und zn solchen Erfolgen gelangt. Daher mag das, was ich jetzt sage, gewichtig erscheinen. Nun möchte ich um mich selbst von vornherein zu einer gewissen Sachlichkeit bei mei len Ausführungen zu erziehen, lieber nicht gleich mit dem beginnen, was mir vor allem am Herzen liegt und mich daher gefühlsmäßig zi stark bewegt, sondern zunächst einen Augenblick auf die Kongreßbev egung zurückgreifen. Damit ich es < her nicht vergesse: Es ist soeben gesagt worden, es handelt sich um eine Kabinettsfrage für Dr. Apfel. Da will ich Ihnen gleich erklär m: Ich betrachte nicht etwa mir die Kabinettsfrage gestellt, sonder a ich sage Ihnen frei heraus, daß i ch nachher dem Verbände die Kabn ettsfrage stellen werde! (Bewegung.) Ueberhaupt glaube ich, daß wir in der bisher beliebten aggressiven Art und Weise garnicht vorwärts kommen. Gustav Löffler hat durch eine Geschäftsordnungsdebatte einen moralischen Druck auf mich ausüben wollen. Lieber Löffler, das war garnicht notwendig. Der Verband ist wichtiger als jeder einzelne von uns. Eins ist ganz zweifellos: Wenn mein Antrag vom Standpunkt Kaufmann und Gen. aus gesehen das Böse gesollt hat. das Gute hat er zum mindesten geschaffen: einmal den Wert des Verbandes den Anhängern klarzumachen. (Beifall.) Sv manch einer von Ihnen, der heute auf mich eingeredet hat, überschüttet mich seit Jahren mit Redensarten: Mit der Neutralität locken wir keinen Hund vor den Ofen hervor. Es rührt mich — diesganz wörtlich genommen — und deshalb ist es. für mich doppelt schmerzlich, was ich jetzt sagen muß, daß der Gedanke, dessen Propagandist ich nun zehn Jahre gewesen bin, so in Ihre Herzen und Seelen übergegangen ist, daß Sie glauben, ihn selbst gegen Ihren.Führer verteidigen zu müssen, gegen einen Führer, den Sie zwar oft bekrittelt, den Sie aber immer als Ihren Freund behandelt haben. Ich spreche zunächst über die Kongreßffage, nicht um auf Details, nicht um auf die Ausländerfrage einzugehen, denn darin haben