Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 2 (5.1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 186 (sequence 162)
- Language
- German
- Belongs to
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186 I I starke Abwanderung vom Lande und der Zustrom nach den großen Städten und dann die Neigung des Juden zur Unabhängigkeit, seip Herrenmenschentum schuld ist! Hier allein könnei^i wir erziehlichen Einfluß nehmen. Andersartige innere Bereitschaft bedeutet auch hier ausschließliche Möglichkeit des wirklichen Umschwungs. Wir müssen sie zu bereiten suchen, indem wir immer wieder gegen die eingerostete Meinung insbesondere von Eltern ankcmpfen, als könne nur der Stand des Handelsherrn und des freien 8Akademikers glücklich machen: wir müssen den Brauch, auf dem Heiratsmarkte den selbständigen Kaufmann und Träger eines Toktortitfls um 50 Prozent höher einzuschätzen, mit der Lauge des Spottes überöießen. Bescheidenheit in den Ansprüchen ans Leben zu schaffen, und zwar bei der männlichen wie bei der weiblichen Jugend, wird immer ein schöner, frommer Wunsch bleiben, sich aber bei der Jugendarbeit nur zu leicht als Moralisieren ausnehmen. Dagegen können wir einer bescheideneren Lebensführung und gänz unmittelbar der beruflichen Umschichtung den Boden ebnen, indem wir in unseren Vereinen auf höchste Achtung vor der schwieligen Hand des Arbeiters, des gelernten Arbeiters, des Handwerkers insbesondere, dringen. Vorführungen aus dem Gebiete des Handwerks oder Kunsthandwerks, etwa eine vor den Augen der Mitglieder ausgeführte Kunstverglasung, an den offiziellen Vereinsabenden dürften am ehesten di« von uns gewünschte Stimmung gegenüber handwerklichem Schaffen und Stande auslösen. LiebezumBoden, zu Gartenbau und Ackerbau können wir durch Zusammengehen mit dem Verein für Bodenkultur, durch Pflege freundschaftlicher Beziehungen zu jüdischen Grundbesitzern und durch Förderung ländlicher jüdischer Jugendvereine keimen lassen. Aber sorgen wir zugleich dafür, daß dieses Pflänzlein sich nicht zur „platonischen Liebe" zur Scholle auswachse, daß nicht von Literaten und wahren Dichtern Oden und Hymnen auf Natur und die Reize des Landlebens gesungen werden, unsere Jugend aber weiterhin deni Moloch Großstadt huldigt. Zur ückaufs Land und in kleine Landstädte, nicht einzeln, sondern in Gruppen, die eine Zehnergemeinschaft sichern, das erscheint mir als die zeitgemäßeste und für unsere sozialpolitischen Reformpläne wichtigste Idee. Um ihr durchgreifende Kraft zu geben, ist die Entfaltung einer großangelegten Werbetätigkeit unter Leitung des Verbandes erforderlich. Ich denke mir diese Arbeit etwa in folgendem Stile: ein Teil unserer Jugend ist in den Berufsberatungsstellen zum Ergreifen des gärtnerischen oder bei körperlicher Eignung des landwirtschaftlichen Berufs anzuhalten. Handwerker und kleine 'Handelsleute sind gerade in der gegenwärtigen Zeit mit besonderem Nachdruck auf die günstigeren Lebensaussichten in kleineren Landstädtchen hinzuweisen: unter der akademischen Jugend, d. h. zuvörderst bei den Studenten der Rechtskunde und Medizin, ist planvoll die Neigung zu züchten, als künftigen WirkungSort kleinere Städte mit jüdischen Gemeinden zu wählen: soweit wir Juden auf die Errichtung neuer höherer Lehranstalten Einfluß nehmen können, müssen wir uns dafür einsetzen, daß Realschulen nach Lindstädten verlegt werden: wir müssen auch dahin zu wirken suchen.