Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 2 (5.1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 184 (sequence 160)
- Language
- German
- Belongs to
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184 pen. Sinnliche Reize, die das Leben überfeinerter Unkultur auf Schritt und Tritt bietet, erschweren nur zu oft auch den Reinwilligen ihr Festbleiben. Drum gilt's an die Stelle. der Schundliteratur, schlechter Kinos/ der Seichtheit, huldigender Theater und der Tanz-' wut gut ausgestattete und ausgewählte Vereins-Bibliotheken, .behagliche Vereinshäuser, wahrhaft künstlerische Veran stal t u n g en auch bescheideneren Stils, Förderung von Vereinigungen zur Hebung der Theaterkultur und schließlich wohlabgetönte gesellige Veranstaltungen treten zu lassen. Verkehr mit leichtfertigen Gesellen hat schon manchen um sein körperlich' und seelisch' Heil betrogen. Drum hütet die Jugend vor allem vor schwach- und schlechtwilliger Gesellschaft, überwacht taktvoll aber scharfblickend ihren Umgang, achtet auf den in den Jugendvereinen schwingenden Lberton. Unsere weibli che Jugend kann gerade hier durch Dämpfung und Verfeinerung neuen Ruhm erringen. Und da allezeit und überall die Solidarität, die gegenseitige Anlehnung nicht nur der Gesamtheit, nein, auch dem Einzelnen das Rückgrat stärkt, so fördern wir die Sexualethik, indem wir öfteren Gedankenaustausch aller gleich Gerichteten, aller vom Willen zur Keuschheit Erfüllten anregen und unterstützen. Förster spricht einmal in herrlichen Worten von den sittlich Starken als vom „unsichtbaren Orden der Retter". So soll auch der Bund unseres Vortrupps auf dem Wege der sittlichen Erneuerung der Judenheit, wie er mir im Geiste seit einiger Zeit vorschwebt, unsichtbar, bescheiden und demütig bei aller Kraft sein und bleiben, aber er soll als Bund seinen einzelnen Gliedern Freude und Lust an der Arbeit des Bahnens bereitin. Meine Damen und Herren! Ich erwarte von unserer Jugend, deren Triebleben auf eine Umstellung des sittlichen Wollens gegründet ist, das Größte: Abwendung des Verhängnisses von den heutigen Kulturvölkern. Aber ich weiß, daß man von Durchschnittsmenschen nicht auf lange Zeit hin übermäßige Willensanspannung verlangen kann, weiß auch, daß bei unseren heutigen sozialen, wirtschaftlichen Verhältnissen für die Durchführung der sittlichen Forderungen gar oft Aufbietung höchster Willenskraft vonnöten ist. Der Wunsch und die Notwendigkeit, den überspannten Willen zu entspannen, zwingt mich daher geradezu, zugleich mit der sexualethischen Forderung die nach weitausblickender Sozialpolitik und sozialen Reformen in unseren jüdischen Gemeinden zu erheben. Den Lebenspräktikern unter ihnen erschien gewiß der Teil unserer Verbandsaufgaben, der diese Forderung umschließt, als der wichtigste und als so bedeutsam, daß Sie ihn gern im Vordergründe der Erörterungen gesehen hätten. Für mich lag "er in der Linie meines sittlichen Wollens, und so reihe ich ihn, mich dem Gebote der Logik beugend, unter die Mittel, die dessen Durchführung sichern sollen. Indessen begegnet sich in diesem Punkte der Echiker in mir mit dem Sozialpolitiker. Ich stehe lange genug in der praktischen sozialen Arbeit und zwar nicht etwa nur als Arzt, sondern als Mitberater auf fast allen- Gebieten sozialer Betätigung, um die hohe Bedeutung des ganzen Komplexes wirtschaftlicher Aufgaben auch ohne deren Beziehung zum Probleme der Sittlichkeft gebührend