Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 2 (5.1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 50 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4926451-6352298-6352427--1572-4927661- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
.50 Seelen. Erst damals wußten wir, wie tief wir sie liebten, weshalb wir sic liebten. Die Sterne leuchten immer am Himmelszelt. Aber erst, wenn die Nacht ihre schwarzen Schleier über den Himmel spannt, iverden die stillen Sterne sichtbar. So lange der Freund neben uns, mit uns durchs Leben geht, nehmen wir alle seine Treue icnd Freund- ,'chaft hin, ohne zu grübeln, ohne zu klügeln. Wenn aber der Freund uns zum letzten Male ins Auge schaut, wenn sich unsere Hand zögernd aus der -einigen löst, dann wissen wir, was wir an ihm lieben. So erging cs uns, nieine Freunde, in dieser Stunde ernsten ^cbeidens. In ihr wurde uns offenbar: Wir liebten in ihnen unsere Zukunst: wir glaubten, daß sie einst die Banner unserer Ideale, wenn unsere Hände erlahmt, in treuen Händen hoch halten sollten: wir hassten, daß sie das Werk weiterbauen sollten, das wir als Bruchstück dereinst auf dieser Ende lassen würdeü; wir dachten, daß sie die hohen Gedanken unscies Bundes siegreich in die Welt hinaustragen sollten und alle Widerstände brechen, die wir nicht überwinden gekonnt. Ilnd dann kam die bittere bange Kunde vom Sterben der Vielen. Es ging ein Schluchzen durch unser Vaterland. Wir blickten alle wie durch Träncnschleier. Ganz Deutschland glich einer einzigen Trauergemeindp. der Gatte, der Gab es ja bald kein Haus, dem nicht der Sohn, Bruder, der Geliebte draußen gefallen. Noch brennen Millionen offener Wunden. Da ist es uns, den Ueberlebenden und den Kommenden, ein ernstes Bedürfnis, ein Seelenverlangcn, bevor wir das Werk, ur!ser Werk, das auch ihr Werk gewesen ist, wieder aufnehmen, den teuren Toten die erste Stlinde unserer neuen Gemeinschaft zu schenken. Aber wir können nicht ihrer als, der Toten gedenken, deren Staub draußen modert. Wir spüren es:? die Lebenden grüßen die Toten, die Toten grüßen die Lebenden, und das Prophetcnwort (Jesaja 26. 19) klingt durch den feierlichen Ernst dieser Stunde: „Deine Toten leben!" Wohl wissen wir wenig vom Leben nach dem Tode. Noch hat kein Weiser die letzter Rätsel enthüllt. Wo aber die Weisheit schweigt, 'prickit die Liebe. Wir ahnen die Ewigkeit über der Endlichkeit. Wir spüren, wir fühlen gleichsam den Herzschlag ihrer Herzen in unseren Herzen fort. Die Kräfte, die einst in ihnen gelebt, strömen von ihnen ju uns über und werden lebendige Triebkräfte für unser Schaffen. „Deine Toten leben!" Wir erbauen uns an ihrem stillen Heldentum; wir sonnen uns in ihrem Sterben. Und wenn sie wiederkommen, die uns das Kindesrecht am Mutterboden unseres Vaterlandes versagen, dann wollen wir unseren Lästerern vom. stillen