Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 8 (1917)
- Issue
- 6 (10.12.1917)
- Date
- 1917-12-10
- Page
- Seite 238 (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
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— 238 — Vater besucht hatte..Mich besonders auszeichncte. war es danach selbstverständlich, daß ich studieren durste. Ich kam 1868 in die Untersekunda des Gymnasiums zu Karlsruhe und zu einer streng frommen Nabbineriamilie in Pension. Mein Zimmernachbar. dem ich mich rasch anfrcundete und auch später in Freundschaft verbunden blieb, war der damalige Lbrrprimaner Jakob Barth, der als bedeutender Lricntalist und Zierde der Berliner Universität 1914 gestorben ist. Seine streng orthodoxe Richtung habe ich allerdings nicht lange geteilt, doch .ist er mir gegenüber Anhängern des Liberalismus, die in jedem geistig ^hervorragenden.-dabei jedoch streng kirchlichen Manne einen Heuchler sehen, stets der beweiskräitigste Zeuge dafür geblieben, datz höchste Intelligenz mit kindlickwr Frömmigkeit verbunden sein kann. Ein einleuchtendes Beispiel dieser Art war auch mein verehrter Lehrer Professor Sohin, der in seiner Straßburger Kirchenrechtsvorlesung vom Standpiinkte des gläubigen Protestanten aus gegen die Bismarckiiche Kulturkampspolitik z» Felde zog und den ich damals mit meinenKonimil'toncn obgleich wir anderer Ansicht waren, gegen die nicht ungefährlichen Denunziationen kulturkämpferischer Preßorgane iit. einer für die akademisches Lehrfreiheit eintretcndcn Adresse, die in vielen größeren Zeitungen Ausnahme fand, warm in Schutz nahm. Im übrigen möchte ick aus meiner Studienzeit nur noch ansührcn, daß mein intimster Freund ein Christ war und daß wir beide überzeugt waren, in wenigen Jahrzehnten würden die Rcligionsverschicdcnheitcn völlig überwunden sein. Mein Wunsch, in den Staatsdienst zu treten, den ich schon als Referendar hegte, ging nach meinem Assessorexamen (1878) sofort in Erfüllung: ich wurde in Pas Sekretariat des Ministeriums des Innern berufen. Zum Geschäftskreise dieses Ministeriums gehörten damals auch die Kultusangelcgenheiten aller Bekenntnisse. Ter Referent hatte bald herausgcsunden, daß ich im israelitischen Kultus wohl bewandert war. ans Grund meiner Erziehung und infolge der langjährigen Bekleidung der Aemter des Synagogenratsvorstchcrs und deS Bezirksältesten früher durch meinen Großvater und später durch meinen Pater. So wurde ich dem Referenten ein erwünschter Gehilfe in der Bearbeitung der israelitischen Kultussachen. Als dann 1883 eine Vakanz im Tberratskollegium cintrat, bewirkte er. daß ich zum Mitgliede desselben ernannt wurde — zu meiner eigenen großen Verwunderung, denn bisher waren stets nur im Alter vorgerückte, dusch vieljährige öffentliche Tätigkeit verdiente Männer in den Lberrat berufen worden. Meine Ernennung wurde übrigens in den jüdischen Kreisen günstig ausgenommen. Auch als ich im Jahre darauf Rcgicrungsrat beim Verwaltungshof wurde — der Behörde, der ich heute als Vorsitzender Rat angehöre —, behielt ich die ehrenamtliche Stellung im Lberrate bei. Naturgemäß kam diesem der staatliche Verwaltungsbeamte für die Bearbeitung der zahlreichen juristischen und administrativen Geschäfte sehr zu statten. Besonders freudig aber wurde es empsundcn, daß der jugendliche, tatkräftige Beamte zugleich ein begeisterter Jude war und mit seiner gleichgesinnten jungen Frau l