Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1917-11-01 · 5 (1.11.1917) · p. Seite 136

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
8 (1917)
Issue
5 (1.11.1917)
Date
1917-11-01
Page
Seite 136 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4926451-6352295-6352418--1346-4927444
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Ratfel unferes Seins. Eine Auseinandersetzung und eine Sammlung. »Kein Stolz ist dem Stolz auf Vorfahren zu vergleichen, denn er enthält eine Mischung aller Gemütsbewegungen." B. Disraeli in Vivian Gren. Der Wiener Soziologe Weitzengrün, einer der verdienstvollste» unserer Soziologen, ironisierte einmal das .Dogma" des Marxismus: „Zn den Parteien erben sich unheilvolle Theorien und Schlagworte fort, die als Standard-Formeln dem grotzen Haufen ein gewisses Paroli bieten, und um die mit einem Fanatismus gekämpft wird, der an alte Religionskämpfc gemahnt." Soll man in der Zeit der Neuorientierung nicht auch mit Volksvcrsammlungsphrasen ausräumen? Und ist die deutsche Judenheit geistig schon so weit zersetzt, das lagen ihres Wes sie den tatsächlich vorhandenen Verhältnissen, den Grundns, nicht mehr objektiv gegenübertreten kann, ohne sofort mit politischen Kaiffen und Praktiken die Dinge auf den Kopf zu stellen? Folgen wir!einmal dem Werden jeder ausgeprägten Religionsgemeinschaft. so kommen wir zu dem grandiosen Wort, das A u g u st e C o m t e gemünzt hat: „Jede Religion ist eine Art Soziologie", und Mathias Mieses führt den Gedanken glücklich weiter (in seinen „Entstehungsursachcti des jüdischen Dialektes"): „Jede Religion ist eine gesellschaftliche, ethnographische und kulturg-eschichtlicheMacht von w e>> t aus strahlen der Wirkung. Die Religion, in der Geschichte ist weit mehr als Privatsache. Tie Religion in der Geschichte, in ihrer Lebenswärme ist viel mehr als eine in blauen Lüften schwebende theistische Weltanschauung, ist viel mehr als eine rein persönliche Herzensangelegenheit Metaphysiker, Heilsbedürftiger und Gottessucher. Die objektivierte, praktische, fleischgewordene in Retorten nicht verdünnte, destillierte Religion hat Beziehungen, die weit ins Leben greifen." Diesen Satz, den ich in schweren Zeiten gelesen hatte, konnte ich nicht so rasch vergessen. Er dünkte mir eine so wertvolle Erschlietzung für die Klarlegung unseres eigentlichen Seins,^,dah ich an ihn anknüpfen möchte. Wenn je eine religiöse Gemeinschaft so ist die jüdische Religion, eine Lehre, die chre feinsten Fäden durchs ganze Leben des Individuums in dieser Welt zieht, jegliches Tun und Treiben der Mitglieder bindet und den Wltag wie mit unsichtbaren radioaktiven Strahlen durchrieselt und beeinflußt. Unbestreitbar und nicht zu vergessen ist, datz die Judenheit ursprünglich eine stark ausgesuchte Volks- und Religionsgemeinschaft war. Wie die völkische Zusammensetzung des jüdischen Volkes vor seinem Eintritt in die Geschichte gewesen ist, kann unsere Frage nicht berühren. Die Aufnahme fremden Blutes während der Zeit der Diaspora wird von den einzelnen Forscher»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.