Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 5 (1914)
- Issue
- 8 (1.8.1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 205 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— 205 — stand ist ja wohl noch nicht gründlich Wissensiwftlidi behandelt worden. Aber es genügt, den ostjüdischen Vortrag jüdischer Synagogenweisen und die ostjüdiichen Volkslieder — deren Motive übrigens 'im Singspiel, der vorläufig einzig ganz volkstüml ichen Art des jüdischen Bülmenst'iols, reichlich wiederkehren — zu hören, uni die Tatsache dieser eigentümlichen Musik seststelle.n zu können. Es gibt unter den Cftjnbcn auch bilden?e Künstler, von denen Etlichen Bedeutung nickt abznsprechen ist. Ä ber cs ist Wohl kagm möglich, ihre Werke als 3dn3;nimfli>» und Wah-zeichen der ostjüdischhn Kultur anzusehen. Tenn ihre eigene ,\hi»ft gibt und erhält ihnen nickt, wie den Dichtern und Musikern, die (Gelegenheit, mit wenigstens einicjr von beiden oder den beiden normierenden E rundtatsachen des ostjüdischen Lebens, Religionssystem und Sprache, in Verbindung' zu treten und dadurch mit der ostjüdischen Kulturjiemcinschaft, der sie sich samt den anderen Intellektuellen mehr oder weniger entfremdet haben, wieder zu verwachsen. Wenn cs aber noch keine ostjüdische bildende .Kunst im Sinne einer Kunst schöpferischer Individualitäten gibtj so will dies nickt bdsagen, daß den Lstjuden die Voraussetzung solcher Kunst, der Volks-' tiimliche künstlerische Sinn für das Bildhafte und.die Kraft abgingen, eigene Formen praktischer Aesthetik zu schaffen.! Tenn dort, wo wirklich eine Lücke dieser künstlerischest Unwillküruchkeit sestgestellt werden kann, ist sie Folge nicht eines spezififch-ostjuDischen Ursprünglichen Anlagen-Mangels, sondern ganz im Gegenteil jener allgemeinen' Nivellierung des volkstümlichen Knnsttriebs, die fast die gesamte städtische und einen großen, Teil der Banernbevölkernng der enropäischamerikanischen Nationen'betroffen hat, und die!anch zu einem großen Teile der Lstjuden gedrungen ist. In den nicht stiit nivellierten Gruppen aber fehlt es durchaus nicht an ästhetischest Eigenformen. Das beweist, nicht znm wenigsten, die in Galizien gind teilweise auch in - Rußland noch erhaltene jüdische Tracht.! . Nun werden ja wohl viele die jüdische Trbcht als einen Beweis i praktischer Aesthetik lächelnd ablehnen. Ändere werden dieses Lächeln ans weiteres ansdehnen lind nicht begreifen wollen, wie man überhaupt, daz l kommen kann, so unreinliche Menschen, als Welche sie die Tstjuden zu iennen glauben, mit Aesthetik auch nur in Verbindung zu. bringen. Bei)e Lächeln aber sind durchaus ungerechtfertigt. Im ersten Fall ist das Urteil znm Teil durch Unkenntnis, znm Test durch Vorurteil und znn Teil durch fraglose Unterordnung unter das Gebot der herrschenden Allerweltstrackt bedingt. Und jeder, der diesen Bedingungen nicht unb'rliegt, wird die jüdische Tracht — allerdings in ihrem eckten und vollwinmensten, noch nicht kompromißlerisch verballhornten und veralberntcn Typ.— als eine her malerischsten unls sprechendsten empfinden. Im zweiten Falle liegt eine Begriffsverwirrung vor, die leider alltäglich geworden ist. wiewohl sie, abgesehen von allem tiefervn Betrachten, schon durch die einfache Erfahrung »nmjöglich sein sollte. Man braucht doch nur um sich zu blicken,.um zu sehejn: Erstens, daß peinliche Reinlichkeit ein Gottesgeschenk ist, dessen auch große europäische Kulturnationen entraten. Zweitens, dah sich Reinlichkeit <und Koistfort) mit Ge'chmack und künstlerischem Wewn nicht decken müssen.