Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 5 (1914)
- Issue
- 8 (1.8.1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 203 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4926451-6352291-6352397--1057-4927168- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 203 — zwar, daß Jiddisch keine Sprache, sondern nurl ein Jargon oder bestenfalls ein deutscher Dialekt sei. Aber selbst.wenn sie Recht hätten — seine soziologischen Wirkungen blieben jedenfalls die einer Sprache: Nicht unter Deutschen, und nicht von an deutsches Wesen mehr, oder minder angenäherten Juden, sondern unter Slawen, Romanen -md Angelsachsen, und von Inden gesprochen, die [mit dem Deutschtum auch nicht das Geringste zu schassen haben — bringt es in der bunten Völkenvelt des Ostens und des transatlantischen j Westens sprachlich ein eigenes jüdisches Volkstum zur unzweideutigen Geltung. Im Uebrigen ist Jiddisch — das von deutschen Juden nach den Ländern des Ostens gebracht wurde und hier ejrft seine volle Entwicklung fand — eine wirkliche Sprache, und zwar eine Mischsprache/ wie etwa Englisch oder Französisch. Die überwiegende Mehrheit der Wör-, ter und die grammatikalischen Grundlagen sind deutsch. Ein beträchtlicher Teil des Sprachschatzes iss hebräisch. noch immer .ansehn- ., liche Rest ist slawisch. Aber im Bewußtsein und in der Rede des Volkes bilden alle diese Bestandteile zusammen —1 ganz, analog, wie bei den Engländern und Franzosest bezüglich ds?r Bestandteile ihrer. Sprachen — eine neue sprachliche Einheit, in der jedes Wort und jede Endung ihre Plätze haben und an ihren Plätzen stehen müssen. Und, was das wichtigste ist, diese neue Sprache hat ihren ganz eigentümlichen (ßeist, ihre ganz eigentümliche Seele, ihre eigenen Stimmungen, Töne und Untertöne. Ja, man kann sogar ruhig sagen, daß es heute kaum noch eine zweite Sprache von solcher Ausgeprägtheit der geistigen- Eigenart gibt, wie gerade Jiddisch. Insofern hat es speziell mit “ Deutsch auch nicht die geringste Verwandtschaft.! ' Manchmal wird gegen Jiddisch als Sprache ein Umstand ins Treffen geführt, der sonst bei Sprachen als Beweis ihrer reicheren Selbständigkeit geführt wird: Das Vorhandensein von Dialekten. Sic lassen sich in drei Hauptdialekte zusammenfassen, den lithauischen, —: nischen und südlichen- Det erste, an Zahl der ihn sprechenden der kleinste, wird in den geschlossenen Judenansiedlungen in Lithauen und von Abwanderern aus Lithauen.im inneren, aber auch im übrigen Rußland gesprochen. Der zweite, ist den Juden von Russisch-Polen und Westgalizien eigen. Ten dritten sprechen die' Juden von Süd- . rußland, Ostgalizien, Bukowina, Hkordostungarn und Rumänien. In den neuen Konzentrationen gehen alle drei Dialekte nebeneinander her, wobei sich hier und da gewisse Unbedeutende Prinzipatserscheinungen zeigen. Das Eindringen englischer Wörter in das in den neuen Konzentrationen in England und! Nordamcrikc gesprochene Jiddisch ' hat sich nicht als dialektbildend erwiesen. Am stärksten kommt die Bedeutung der jiddischen Sprache für die geistig gesellschaftliche Einheit der Ostjuden in ivr jiddischen Literatur zum Ausdruck. Schon in früheren Zeitläuften entstand eine bemer- kenswerte volkstümliche Geschichten- und Legenden-, sowie eine religiöse Erbauungsliteratur, von der speziell die l?tztere^Art noch heute recht verbreitet ist. Es waren aber kund sind) dst durchaus Frauen, die sie lasen. Denn Männer und Knaben .betrieben ausschließlich Studium der talmudischen Schriften. Eine viel allgemeinere Verbrei- . tung erhielten und behaupten die jiddischen Volkslieder, die in i^hrer