Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 5 (1914)
- Issue
- 8 (1.8.1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 198 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 198 — |2täöten und Städtchen ganzer Ländergebietc Mehrheiten oder ansehniliche Minderheiten (von 90 Prozent abwärts), erreichen hohe absolnre I Ziffern (die höchsten in Rewyork mit nahezu einer Million unter einer jüdischen Gesamtziffer von 1 100 000 und in Warschau mit 300 000) und gewinnt dadurch den Charakter -eines in Massen auftretenden selbständigen Bevölkerungselementes. Dabei kann man diese Siedlungsweise nickt io ohne weiteres, wie es oft geschieht, auf äußeren Zwang zuriickfiihrcn. Denn ganz abgesehen davon, daß in den alten Siedlungsgebieten die entscheidenden Zwangsverhältnisse noch ziemlich jungen Datums sind, zeigt sich in den neuen Siedlungsgebieten — trotz Abwesenheit jeglicher Beschränkung der Freizügigkeit — eine deutliche unbestreitbare Tendenz zum massenhaften Zusammenbleiben. So wie die Dichtigkeitsverhältnisse, so ist auch die soziale Variation! der ostjüdischen Bevölkerung eine wesentlich andere als bei den West- ' juden. Diese weisen überhaupt fast keine Standesschichtung auf; selbst das kaufmännische und handwerkliche .Kleinbürgertum ist bloß in Rudimenten vorhanden. Eine Arbeiter s ch a f t ist überhaupt nicht da. Der weitaus größte Teil der Westjuden sind Mittelbürger — Kauflente und Freiberufliche. Die Minderheit — meistens Großkausleute und wenig Fabrikanten — steigert nur den Eindruck der vollkommenen sozialen Homogenität. Ganz anders bei den Ostjuden. Zwar verfügen auch sie über keinen nennenswerten Bauernstand — wenngleich die in verschiedenen Ländern der Erde vorhandenen Ansätze hierzu schon zu denken geben — aber sie besitzen neben einer ganz beträchtlichen Mittelbourgeoisie, einer verhältnismäßig schwachen Intelligenz (im hierzulande gang und gäbei^ Sinn des Wortes) und einer sehr geringfügigen Großbourgeoisie^ ein den Hauptbestandteil des Volkes bildendes .Kleinbürgertum lHändler und Handwerker) und eine sehr ansehnliche urrd immer mehr anwachsende industrielle Arbeiterschaft. Fm einzelnen braucht man sich nur die ostjüdischen Schmiede, Schlosser, Fuhrleute, Taglöhner, Kellner, Friseure usw. anzusehcn, um des ganzen großen Gegensatzes in der sozialen Schichtung der West- und Ostjnden innc zu werden. Aus diesem Gegensatz folgt natürlich auch eine ganz verschiedene wirtschaftliche Lage. Während in der Westjudenheit die Wohlhabenden und die Richt-Armen die weit überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung bilden, die Reichen einen erheblichen, die» Armen einen sehr geringfügigen Prozentsatz stellen, weist die Ostjndenheit eine verhältnismäßig sehr geringe Zahl von Reichen, eine verhältnismäßig unbedeutende Zahl von Wohlhabenden und eine ungeheure Ueberzahl von Armen und Äermsten auf. Zu den Aermsten stellen die sogenannten „Listtmenschen" — beruflose Leute, die nach dem Zufall Haschen — ein erhebliches, aber durch die Proletarisierung lim modern-ökonomisck.en Sinne des Wortes) icnd durch andere soziale sowohl als kulturelle und politische Umgestaltungen immer mehr sinkendes Kontingent. Ob. inwiefern und inwieweit nun alle diese Siedclnngsnnd Sckichtungsunterschiedc zwischen Ost- und Westjudenheit mit Unterschieden in der geistigen Struktur, der geistig-gesellschaftlichen Lebensvlägung kausal zusamnienhängezi, soll hier in Frage bleiben. So viel ist jedenfalls sicher, daß auf diesem Gebiete der geistig-gesellschaftlichen