Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 5 (1914)
- Issue
- 6/7 (1.6.1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 173 (sequence 13)
- Language
- German
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— 178 — Rentamt dahier zu entrichten und dagegen alle der hiesigen Jiideuschast gestatteten Freiheiten und Gnaden 'sich ebenfalls zu erfreuen baden solle. Urkundlich bier vorgedruckten hochfürstlicben Hatzseldischen Regierungskanzlei Jnsiegcls und der gewöhnlichen Unterschrift. Haltenbergstetten, den 26. April 1762 zur hochsiirstlich hatzseldischen vori uiuudichaktllchen Regierungskanzlei verordntte Direktoren und Räte. I-. s. gez.: Hertlein. im. i>. Geyer, i». p. Ter vorgedrnckte Schutzbrief meines sel. Urgroßvaters beleuchtet kurz und klar die Lage der Landjuden in früheren Jahrhunderten. Als elende Hausierer mußten sich unsere Vorfahren küiniuerlich durch die Landschaft schlagen. Tie Landesgrenzen der kleinen Herrschaften lagen recht nahe beisaniuien und an jeder Grenze! erwarten den Juden neue Schikane, neue Verordnungen, neuer Höhst, neue Verachtung. Sic konnten'sich. wie vorstehender Brief zeigt, einen Schutz verschaffen, aber selten reichte das Vermögen dazu aus, mehr als > einem Sohn diesen Schulzbries zu kaufen. Tie andern Söhne mutzten ohne Patent'handeln. Auf Schleichwegen nmtzten sie über Land ziehen und, auf Schleichwegen Heimkehr»«. Freilich wissen wir, daß die Juden in den Städten nicht weniger gequält waren. Mit Schrecken denken wir au die Beschränkung der Zahl der Inden in Berlin unter Friedrich deni ('trotzen. Alle diese Verhältnisse besserten sich, als Napoleon der Erste , Einfluß auf Teutschland gewann. Tie kleinen Fürstentümer' verschwanden. Ter Jude begann vor dem Gesetz als Mensch zu gelten. Als der Körper befreit war, begann sich der Geist zu heben. Tie großen Geister und Vorkämpfer unsterblichen Andenkens bahnten der Emanzipation der Juden den Weg. Langsam begann in Stadt und Landlern gediegener Wohlstand, der Segen der jüdischen Arbeit, zu werden. Waren ursprünglich die Juden damals nur geistig in die deutsche Welt eingetreten, so begannen sic in kurzer Zeit auch wirtschaftliche Werte z>> schaffen. Tie Städte waren ihnen geöffnet. Aus Krämern und Hc usierern wurden Großhändler und Fabrikanten, und das Aufblühen der Großstädte ist nicht zum wenigsten ihrer Mithilfe zu verdanken. In den Jahren 1870 und 1871 bluteten die Juden für Teutschlands Eure. Tie Gesetzgebung des Reiches hat vollends alle Schranken ztmschen Staatsbürger und Staatsbürger lveggeräuint, und wo solche heute noch bestehen, sind sie künstlich, ohne gesetzliche Berechtigung wieder ausgerichtet worden. | j ' _ ' Nach dem Krieg 1870/71 kam eine Zisit ungeahnten Aus'chwuruses für das Deutsche Reich. Neue Erfindungen hoben die Kultur. Die verfeinerte Kultur schuf neue Lebensgewohhbeiten. Unermeßliche Werte winden neugeschaffen und mit der wachsenden Industrie traten ganz neue Faktoren in das bürgerliche Leben, lind jetzt beginnt der Rückgang der Landjuden an Zahl einzusctzen. Allerdings damals wurde die Ursache dieses Rückganges als Glück empfunden. Tie Industrie, die Engros-Gcschäfte benötigten neue und zahlreiche Kräfte Und auf dein Laude, wo damals noch viele Kinder als Segen einpfunden wurden, gab' es Kräfte genug. Man hatte es nicht nötig, sich um neue Berufe,für die vielen Söhne umzusehen, die Stadt nahm sie willig auf. Ginges aber den Söhnen gut, so batten auch die Töchter ihren Anteil daran. .Tie i