Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 5 (1914)
- Issue
- 1 (1.1.1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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14 fiteratur Uber jüdische Legenden.*) 1 Ich spreche zu jungen Juden über jüdische Ltzgcndcn. Ich stelle eine Frage; und je nachdem sie darauf antworteii, nicht mir, sondern sich selbst, sind sie Inden oder können einmal welche werden, oder sind keine Juden. Jude sein ist beute eine Aufgabe und eine Angelegenheit der Seele; nichts Leichtes, nichts Alltägliches, nichts Selbstverständliches; tcin Ziel für Betriebsamkeit, kein Schmuckgegenstand, kein Sbjckt für Ehrgeiz oder Spielerei; Jude sein ist heule verantwortungsvoll, entscheidend und ein entweder — oder. Tic Bücher, von denen ich rede, sind Wegschcidcn mehr als alles andere, Prüfsteine, Entschlüsse; was sie sonst noch find, wird diese Seiten füllen. Denn ich würde weder den Leser noch mich mit dem Besprechen irgendivelchcr Bücher aufhaltcn, wenn es sich nur um literarische Werke bandelte, seien sie im übrigen noch so vollkoniinen. Es ist nicht die Zeitkauf den Geschmack zu wirken; die Jungen unter den Juden hören viel zu oft und lange auf das ablenkende und leicht beglückende Wort der Dichter; was ibnen aber not rut, ist Sammlung und der Wille zum Ernstmachcn: zu schweigen, zu überlegen und das Leben; das eigene Leben, neu zu ordnen. Darum rede ich über Legenden. Was die Legende, die uralte, in dieser Zeit des europäischen Kulturlebens völlig erstorbene Gestaltung wortcsügender Kunst von.jeder anderen Formung scheidet, ist nicht ihre Anonymität; auch von Volkslied und Märchen ist der Verfasser grundsätzlich nicht zu nennen, und auch an ibnen arbeitet die übermittelnde und umbildcnde Gestaltungssehnsucht Mcbrcrej:. Es ist auch nicht jene Tatsache, daß Legenden sich nur um Personen oder Handlungen bilden, denen irgendwie Heiligkeit zukommt; denn auck> die Dichter haben zu allen Zeiten von Heiligen gesagt und von den Taten der Götter, und auch in ihren Werken gilt es dann, ein sinnlich Geschehenes bis zu einem Punkte zu treibcit, an dem die Göttlichkeit des Dargcställtcn sich blendend offenbar!, und wo das Ilnerfaßlichc, mehr oder weniger schlicht aber stets gläubig, als ein in derselben Ebene wie das Greifbare erzähltes Wunder erscheint. Sondern dies trennt die Legende von jeder Kunstdichtung >vie vom Märchen, daß sic nichts absichtlich erdichtet, sondern ein Wunder als wahrhaftiges Geschehnis berichtet. Wer als Zuschauer vor der Bühne das Lebezi des Faust oder Lthcllo, ivie es vor ihm fick vollendet, für ein wahrhaftig geschehenes Leben kielte, also daß er mit :llat oder Tal in die Verkettung einzugreifen sich bereit fände, der täte zwar dem Dichter damit Ehve an, aber er verkennte das Wesen des Kunstwerks als eines Erdichteten, und verginge sich gegen das Gesetz der Kunstlchrc, nachwelchem das Werk als vom Genießenden völlig abgetrennte Einheit besteht, zu der keine verbindende Brücke führt als eben der Genuß. Wer aber im Hören der Legende nichts anderes als eine D i ch t u n g aufzunebine» glaubt, gerade der tut ibr llurccht. Sie wird am istärtsten erfaßt-von dem, der ihr schlicht glaubt, was sie bericht«, als etwas Wirkliches, das sich ereignet hat oder doch haben könnte; ja. 'ein wenig von dieser Haltung muß in jedem Ausnehmenden sich einrichrcn; eiiwn Augenblick lang muß er seine aufgeklärte Skepsis verabschieden und muß meinen, daß damals in jener Stunde das Wunder lvirklich habe sein können. Am tiefsten aber gebt der in den Geist der Le- .Jii Jflflfii der Juden. brrau«ßra» ucm Micha )nscf bin Gorion: Band I Bon der Urzeit. Marlin Buber: T>e Legende des Baalchem: der'.: Die Geschichten des R a.d b i Nach rna nn lalle drei schön gedrudr vei Rutten und Loening. Frankfurt a. M.). Lan» Ludwig Held: Tal m ud le g en d < n Ivans sachs-Berlag .München-. L. P e r c \: B ulkst ü mliche Geschichten < ^üdi'chxr Berlag. Berlin)