Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 5 (1914)
- Issue
- 1 (1.1.1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4926451-6352291-6352375--0849-4926965- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nicht aus eigener Erfahrung solcke Zusammenhänge erführen kann, doch wenig sagen, aber er würde das Bild dieses Mannes verrälicken, der, bei feiner leidenschaftlichen Mühe um ein Work deutsche,-.Kulrur mit all feinem Gehirn urrd Blut, auch sein Judentum einsetzt. Bielleicht als das wertvollste und wichtigste — aber auch als das am schwersten zu formende Stück seiner inneren Materie. „Zuweilen aber wich das Unbehagen des zersplitterten Empfindens und eine Hoffnung, wahr zu werden in einem nicht gemeinen Sinn, kam in sein Herz." Ter Satz steht in Moritz Hcimanns „Die Tobias-Vase". Er gilt der Hauptgestalr jener Geschichte, dem Pfarrer Severin, mit der tiefen pädagogischen Leidenschaft und der tief unerzogenen Gewaltsamkeit der eigenen Launen: der Pfarrer möckte seinen Zögling, einen helläugig skeptischen Judenknaben zur Gerechtigkeit der christlichen Idee führen — wie der Engel des biblischen Märchens den Knabe,, Tobias geleitete. Aber durch eben die Base, aus der er von Freundeshand die Tobias-Legende als Sinnbild seiner leitenden Idee malen lätzt. erlebt er so katastrophale Ausbrüche seiner allzu menschlichen Laune, daß er ungerecht und lieblos das Verhältnis zu Freund und Frau und Zögling gefährdet. „Weder Liebe noch Gerechtigkeit bar er bewiesen, er hatte nur um si.e gewußt und hatte gewünscht. Die Welt aber gibt der Seele nur wieder, lvas die Seele ihr schenkt, und achtet nickt Wünsche als Geschenk." - Im Schicksal dieses Pfarrers spiegelt sich viel von Moritz HeimannS Wesen und Werken. Nicht dem besonderen psychologischen Inhalt nach, aber im Rhythmus der inneren Situation, im psnckisckcn Grundproblein. Au, dem Wege von wünschenden Wissen zu schöpferischem Geschenk steht dieses Mannes Werk; aber es fuhrt uns, zieht uns und erzieht uns, weil sein Wesen von der Hoffnung lebt, über aller Zersplitterung unseres Empfindens wieder einmal-wahr zu werden in einem-nicht gemeinen Sinne. Wenn man die keineswegs zablrcicken Werke, mit denen dieser keineswegs mehr junge, Autor sich beute endlich dem Interesse weiterer Kreise bemerkbar zu machen anfängt, überblickt und ihren gemeinschaftlichen Inhalt, :hre letzte individuelle Grundkraft mit einem Worte zu bezeichnen sucht, so kann man vgn einem sehr gläubigen Skeptizismus, einem höchst positiven Relativismus, einer ungewöhnlich kritischen Mystik sprechen. Aber wehhcs Wort'man wählen mag, es wird immer eine Paradoxie enthalten müssen. Denn das Paradoxon, ist n.cht ohne innerste Not di« sprachliche Form, in der sich Heimanns Rede sortbewegt, durch deren Eplosion sie sich Bahn bricht; die Paradoxie als das eigentliche „Siegel der Wahrheit" hat er erkannt und bekannt. Den alogische,, Charakter alles Wirklichen hat er mit der ganzen Kraft eines Künstlers erlebt, und hat' dieses Erlebnis mit der ganzen logischen Leidenschaft eines Denkers ins Bewußtsein gehoben. Diese paradoxe Art zu existieren, hat bereits das tiefste Schicksal Friedrich HcbbelS ausgemacht. Aber wo der gewaltsame Hebbel mit dogmatischer Verkürzung abbrack und seine Dramen schuf, da geht Heimann weiter und weiter in die Verästelungen notwendiger, Widersprüche hinein, schiebt die Gestalt, das Ge'ckenk. die letzte Wahrheit weiter vor sich her, Und auf die Gefahr, daß der Bogen der Gestalt zerbreche, wagt er es. dis beiden Enden der Notwendigkeit näbcr und näher einander zuzubiegen. Wem^ cs zum Schluß komint, muß der Pfeil seine,- Sehnsucht ins Unendliche fliegen, in die ungemeine