Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Ernst Rudolf Mayer (Mannheim): Choreographisches
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 1)
- Language
- German
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I ERNST RUDOLF MAYER (Mannheim): CHOREOGRAPHISCHES Neue Ballettmeister und neue Bühnenbildner sind die Schrecken aller Intendanten und Theaterdirektoren. Daß Bühnenbildner aus Prinzip die Arbeit und die vielen stehenden Reste ihrer Vorgänger unbrauchbar finden, ist eigentlich klar. Ballettmeister aber pflegen außer sich selbst noch eine ganze Gefolgschaft neuer Mitglieder mitzubringen, die aus ihrer „Schule" allein fähig sind, den neu einzuführenden Tanzstil, den jeder neue Ballettmeister a priori mitbringt, auszuführen! Der klägliche Rest eines vom früheren Ballettmeister hinterlassenen Ensembles (denn auch er nimmt wieder ein groß Teil mit sich) muß sich erst wieder mit der neuen „Schule" vertraut machen. Was daraus an Kulissentratsch, an kleinen und großen Eifersüchteleien, Intrigen und sonstigen unmißbaren Theaterrequisiten entsteht, kann man sich denken. Diese Einleitung sollte lediglich sagen, daß jeder Tanzmeäster heute seinen Stil und seine Schule vertritt und in diesem Prinzip ernst genommen sein. will. Und schließlich und endlich ist die Differenz dieser einzelnen Stile untereinander in der choreographischen und bühnenpraktischen Ausführung so gering, daß sie nur dem ausgezeichnet geschulten Kenner auffällt ... „tant de bruitü" Das beste Resultat aus diesem Prinzipien-Geplänkel ist das Verschwinden des alten „süßen" Balletts. Welch schauerliche Erinnerung überkommt einen, wenn man an das hohle Getänzel in Spitzenröckchen mit lächelnder Mine denkt, wenn man sich im Geist die Ausführung des Gounod'schen „Margarethe-Bacchanales" von anno dazumal rekonstruiert . . . Rosarot mit Beintrikots, Blumengewinde mit fünf Grundstellungen, einmal nach links herüber „gehuscht", dann nach rechts . . . Auftritt des Solopaares (erst sie, dann er), jeder tanzt seinen obligaten Solotanz, am Ende Vereinigung in eitel Wonne, und er schleppt sie ab . . . Schlußensemble der lachenden Bacchantinnen in und auf Spitzen nebst Apotheose: das ganze genannt Walpurgisnacht.