Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Arthur Silbergleit: An Juda
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4925979-10432411--120-4926073- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
NATHAN EHRENREICH (Frankfurt a. M.): Gemischte Chöre Der gemischte Chor, d. h. die Vereinigung von Frauen- (oder Knaben-) mit Männerstimmen, ist bei den Juden seit langer Zeit in den Gotteshäusern eingeführt. Einzelne Synagogenchöre traten wohl auch früher schon im Konzertsaal auf. Aber ein jüdisches Chorwesen außerhalb des religiösen Bezirks besteht erst seit dem Neuaufbau eines eigenen jüdischen Musiklebens. Die Geburtsstunde der jüdischen Chorvereine fällt, von wenigen Ausnahmen abgesehen, mit der Gründung des Kulturbunds zusammen. Hat nun eine künstlerisch anspruchsvolle Chorpflege, die gemeinhin nur auf dem Boden einer gesicherten bürgerlichen Existenz gedeiht, in unserem engen, von Sorgen umschatteten Räume Sinn und Berechtigung? Die Frage hat von selbst ihre Beantwortung gefunden. Der spontane Zusammenschluß all jener vielen jüdischen Sänger und Sängerinnen, die einst in den allgemeinen Chören mitgewirkt hatten, die innere Festigung, die dieser Stamm der Getreuen durch Zuwachs aus den Reihen der Glaubensgenossen, durch ständig sich überhöhende Leistungen und Erfolge erfahren hat, sprechen eine überzeugende Sprache. Das Chorsingen, das im früheren Lebenskreise vielleicht nur als schöne Zutat zu einem auch sonst an künstlerischen und gesellschaftlichen Freuden reichen Dasein galt, darf jetzt als wesentlicher Bestandteil kultureller Betätigung betrachtet werden. Dem Außenstehenden — und sei er noch so musisch eingestellt — läßt sich nur schwer erklären, welche Be-> glückung das Singen im Chore bedeutet. Der Sänger empfängt durch die Einordnung in eine Gemeinschaft, durch die aktive Beschäftigung mit einem Kunstwerk Erhebung und Stärkung. Gerade das intensive Stadium, das im Chore geleistet werden muß, ermöglicht ein Eindringen in die tiefsten Geheimnisse des musikalischen Werkes, wie sie dem Nur-Hörenden nie zuteil wird. Trägt schon die Probenarbeit reichen Lohn, so bringt vollends das Konzert die ersehnte Genugtuung und Bestätigung für alle Hingabe. Das Glücksgefühl, zum Gelingen einer guten Aufführung beigetragen zu haben, berufen zu sein zum Dienst an einer musikalischen Meisterschöpfung, trägt den Sänger über sich selbst hinaus und bereitet ihm die Gnade eines Erlebnisses, das sonst nur Privileg des Künstlers ist. Als Veranstalter von Konzerten erfüllt der Chorverein eine wichtige Mission im jüdischen Kulturleben. Er wird Vermittler eines Kunstgutes, das ohne ihn der jüdischen 90