Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Karl Adler (Mannheim): Kinder Singen
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 3)
- Language
- German
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war doch sehr fraglich. Mir waren Kinder bekannt, die von diesen Gesängen zwar die 2. oder 3. Stimme beherrschten, aber nicht die Melodie dazu singen konnten. Die heutige Zielsetzung besagt nicht, daß die Leistung geringer geschätzt würde, im Gegenteill Jedoch erwächst sie auf einem anderen Boden. Die Kinder werden zum bewußten Hören gebracht, werden aktiviert durch eigene Gestaltung. Keineswegs sollen dadurch Komponisten gezüchtet werden, ebensowenig wie das Zeichnen, die Aufsatzstunde Maler und Schriftsteller zeitigen sollen. Diese Erziehung zu einer eigenen Ausdrucksfähigkeit durch die einfachste Improvisation eröffnet unerschöpfliche Möglichkeiten des froh-ernsten Musizierens. Jedes Kind soll nur einmal seinen eigenen Namen singen (versuchen Sie dies doch sofort mit Ihrem Opern-Ensemble), oder es soll Dinge aus seinem eigenen Lebens- und Erfahrungskreis gestalten. (Erwarten wir ja nicht, daß Kinder improvisierend singen, sie wollten brav und folgsam sein, so gerne wir's auch hätten!) An einem heißen Sommertagi gelangten wir einmal in einer Schulklasse zu diesem schnell gereimten und gesungenen Cantus: „Wann haben wir heute hitzefrei / um 11 Uhr 35? / dann wären wir vielleicht ei ei / 'ne halbe Stunde fleißig. / Doch wenn wir sitzen bei der Hirz' / bis 1 Uhr 30 hier, / zerschmilzt mit uns, es ist kein Witz / Karl Adler und's Klavier." Das war sehr glaubhaft; drum wurde auch hitzefrei gegeben. Neue Aufgaben entstehen auch durch die Einbeziehung des hebräischen Liedes. Man singt heute darin mehr als „maos zur" und „schir hamaaloth", vor allem soll und will das Lied über die Schule hinaus wirken und damit sind wir beim d) Bun d. Handelt es sich da eigentlich noch um Kinder? Hoffentlich 1 Sie pflegen aber das Singen nicht mehr aus schulischem Zwang, sondern aus freiem Willen, zuweilen aus Konvention, zumeist aus Ueberzeugung, aber auch oft ohne zureichendes Können. Es ist bei allem Wollen nicht damit getan, mit Schwermut ein Lied zu zersingen oder mit Begeisterung eine Horra zu zertrampeln. Unsere Jugend darf eben nicht erlahmen, zu Urteils- und Leistungsfähigkeit zu gelangen. Wie das gemacht werden kann, ohne jugendliche Unmittelbarkeit einzubüßen, soll Ihnen meine unermüdlichste Schülerin, die Ihnen nicht unbekannte Margot Singer, im einzelnen zeigen, da Sie hier so zeilenknauserig gegen mich sind. e) Normalerweise wäre jetzt mein Thema „erschöpft". Aber darf ich die Kinder über 30, 40, 50, 60 einfach übergehen, die in echter Jugend noch bewegen und bewegt werden können, im Gegensatz zu den oft „fertigen" und blasierten 18jährigen? Jene Kinder, die im singenden Gestalten wieder die Beglückung des kindlichen Spiels verbunden mit verant-