Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Karl Adler (Mannheim): Kinder Singen
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 2)
- Language
- German
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Haus mit enormem Krach und Staub gebärdete, losgelassen. Kinder singen im Elternhaus, wenn Mütter singen. Will der Reichsverband nicht einmal mit Rundschreiben 297 eine diesbezügliche Umfrage veranstalten? b) Kindergarten. Zumeist ist's kein Garten, zumeist singen die Kinder nicht, sondern gröhlen, zumeist singen sie keine Kinderlieder, sondern „Tantenlieder". Wohlgemerkt, ich sage zumeist, nicht immer. Fein ist's trotzdem, mit diesen Kindern zu singen, insbesondere, wenn sie sich dabei spielend bewegen. Haben Sie das schon einmal mitgemacht? Wenn nicht, empfehle ich Ihnen allen dringend, den bellenden Hund, die miauende Katze, den quakenden Frosch, das trillernde Vögelchen, den trompetenden Elefanten entsprechend mitzumimen. Der Freude ist es nicht abträglich, wenn einmal schnell ein Töpfchen benötigt wird oder sonst einem Kind etwas Flüssig-Menschliches passiert. c) S ch u 1 e. Meine Heimat ist ein kleines Dorf auf der „Rauhen Alb" (gelt, das erklärt Ihnen jetzt manches!). Dort gab's damals noch keinen Kindergarten, infolgedessen lernte ich frühzeitig singen. Insbesondere durch meinen Vater, der nicht müde wurde, mir die Nigunim des ganzen Jahres beizubringen (ich kann dem nunmehr 75jährigen auch heute noch nicht im entferntesten das Wasser reichen). Mein erstes öffentliches Auftreten war bei einer Purim-Feier. Dort sang ich das schöne Lied „Ich bin der Lumpenmann, das seht ihr mi;: wohl an". Vor der Weltöffentlichkeit ließ ich mich zum ersten Mal auf einer Phonographenwalze (es gab noch keine Grammophonplatten) hören. Sie war für Verwandte in Amerika bestimmt. Ich sang als Schulbub mit 10 Jahren den Schlager hinein: „Mein Herz, das ist ein Bienenhaus, die Mädchen sind darin die Bienen!" Eine Singstunde in der Schule ist mir besonders unvergeßlich, weil ich einem vor mir sitzenden Mädel den Zopf mit rotem Band in mein Tintenfaß tauchte, was mir mit dem Haselstock 4 „Tatzen" auf die Hand und einige Schläge auf den gespannten Hosenboden eintrug. Heute ist dies natürlich anders. Nicht nur deshalb, weil das Zeitalter des Bubikopfes und des Füllfederhalters derartige Improvisationen ausschließt, sondern weil ja jetzt auch die jüdischen Lehrer in Fortbildungskursen von Karl Adler gepiesackt werden, wozu er nach der geschilderten Schuljungenvergangenheit ja hinreichend legitimiert erscheint! Im Ernst es ist anders: das frühere Singideal in der Schule war gleichbedeutend mit dem Schul„konzert". Man paukte monatelang „Meermädchen" oder „Seht, er kommt" oder „Hebe deine Augen auf". Natürlich klappte es vorzüglich, aber der Bildungswert eines derartigen Musizierens 81