Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Herbert Friedenthal: Jüdische Bearbeitungen
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 1)
- Language
- German
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HERBERT FRIEDENTHAL: JÜDISCHE BEARBEITUNGEN Der Bearbeiter ist ein Mensch, der sich bei vielen Leuten und Instanzen, Direktoren und Publikum beliebt machen kann — nur bei einem nicht: dem Autor, den er bearbeitet. Und der kann in den meisten Fällen nicht protestieren, weil er schon lange tot ist. Die Geschichte der Bearbeitungen ist so alt wie die des Theaters Plautus hat Aristophanes bearbeitet, Moliere den Plautus, Ludwig Fulda den Moliere — und der Bearbeiter von Ludwig Fulda ist möglicherweise auch schon geboren. Ein Stück liegt fix und fertig da. Ein anderer kommt und formt es um. Wer ist dieser Umformer? Ein Querulant? Ein Besserwisser? Der erste „Besserwisser", der im ständigen Kampf mit dem Autor liegt, und sein unvermeidlicher Bearbeiter ist der Regisseur. Es gab vor zwei Jahrzehnten eine Zeit in der Theatergeschichte, in der der Regisseur sehr eigenwillig mit dem Wort des Dichters verfuhr. Wenn auch diese Hypertrophie der Regie wieder einem verantwortungsvollen Dienst am Werk Platz gemacht hat, so bleibt es doch immer das Vorrecht des Regisseurs, zu streichen, dramaturgische Veränderungen vorzunehmen, die Regieanweisungen des Autors eigenen hintanzustellen, kurz: das Stück zu bearbeiten. Und schließlich ist die Ausdeutung der Rollen durch den Regisseur, auch wenn es sich nicht um eine „Auffassung" handelt, stark persönlich gefärbt. Man hat den Bearbeitern mitunter vorgeworfen, daß sie etwas besser machen wollen als der Autor selbst. Sucht aber ein Bearbeiter ein Drama hervor, um es wieder für seine Zeit spielbar zu machen, so geschieht das nicht, um den Autor schulmeisterlich zu korrigieren, nicht aus Mißtrauen gegen den Dichter, sondern aus Vertrauen zum Dramatiker: denn das Dramagefüge muß stark genug und tragfähig auch für eine veränderte Themenstellung bleiben. Nicht schlechte Stücke werden bearbeitet, um sie besser zu machen, sondern gute Stücke, um sie noch einmal für die zeitgenössische Bühne zu retten. 58