Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Max Ehrlich: "Die neue Revue soll ja sehr nett sein"
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 2)
- Language
- German
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„Hier Willy. Hör mal zu, ich will Dir mal die Musik vorspielen." Wir haben dazu ein eigenes Verständigungsverfahren. Er legt Telefonmuschel und -Hörer auf seinen Flügel, spielt und singt die neue Musik und ich höre am anderen Ende des Drahtes die Melodie ab. Sie gefällt mir außerordentlich, aber eine Korrektur glaube ich anbringen zu müssen. „Willy," rufe ich in den Hörer hinein, „der Refrain hat doch ein optimistisches Textmotiv. Nach meiner Meinung muß die Melodie nicht nach unten gehen, sondern nach oben, freudig, bejahend, etwa so: —" und ich flöte ihm meinen Korrektureinfall vor. Er antwortet liebenswürdig: „Du hast eine Ähnung vom Komponieren wie ich von Kuhkäse und außerdem ähnelt das, was Du als eigene Melodie pfeifst, verteufelt der „Fledermaus"." Ich finde beide Vergleiche nicht ganz treffend und hänge beleidigt ab. Aus den schönsten Träumen weckt mich gegen Morgen sein neuer Anruf. „Ich wollte Dir nur sagen: Du hast recht. Die Melodiestelle muß nach oben gehen. Hör Dir mal das an!" Wieder Telefon auf den Flügel — ich höre ab, es ist ausgezeichnet. Die vier geänderten Noten sind auch so, wie ich sie vorgepfiffen habe, sie sind auch auf einmal gar nicht mehr aus der "Fledermaus" . . . Von dann ab sitzen wir Tag und Nacht zusammen, arbeiten und sind für nichts anderes zu sprechen. Die Mahlzeiten, die uns unsere Frauen hereinschicken, schauen wir nur mit Verachtung an, essen sie aber trotzdem bis auf den letzten Bissen auf, sehnsüchtig die Erfindung der zeitsparenden Nährpille erhoffend. Die Zeit vergeht, ohne daß wir es merken, und wenn nicht „der Herr, der über uns wohnt", auf einmal wütend mit dem Fuß an unsere Zimmerdecke klopfen würde, würden wir gar nicht bemerken, daß wir um 4 Uhr nachts noch Klavier spielen. Es würde auch keiner, der unsere verbissenen Gesichter sähe, auf die Idee kommen, daß wir hier eine heitere Revue fabrizieren. Wochen vergehen und eines Tages sind wir beide fertig. Fertig mit der Revue und mit den Nerven. Dann lade ich den Ausstattungschef des Berliner Kulturbundes, Heinz Condell, zu Gast; ich setze ihn unter Alkohol und lese ihm das frischgeborene Werk vor. Ich kniee mich hinein, spiele alle Rollen selbst, bin Sängerin, Soubrette, Komiker, Buffo, Liebhaber in einer Person, singe Sopran, Alt, Tenor, Bariton, Baß und achte auf das kleinste Mundwinkelzucken von ihm. Bei jeder Pointe, die daneben geht, bei der ich mir ein Brüllen vor Lachen vorgestellt habe und auf die er aber auch gar nicht reagiert, bekomme ich selbstmörderische Anwandlungen. Sein Bleistift rast auf jungfräulichem Papier hin und n