Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Kurt Singer: Jüdischer Kulturbund in Deutschland
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 1)
- Language
- German
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KURT SINGER: Jüdifcher Kulturbund in Deutschland Wenn wir heute, im Jahre 1938, darüber nachdenken, welches die Keime des Jüdischen Kulturbundes waren, und wie aus ihnen reifende Frucht wurde, so bekennen wir, eher Lehrende als Lernende gewesen zu sein, aus den Fehlern einer veralteten Ideologie aufgestiegen zu sein zu einer neuen Inbrunst des Schaffens, vom Alten das Lebendige übernommen und mit Neuem, Zukunfts-Heiligem verbunden zu haben. Ohne konstruktive Idee einer jüdisch erlebten, auch nur jüdisch betonten Kunst erwachten wir aus unserer Depression der Isolierung, hielten mit eiserner Kraft die innere Bindung zum Ewigkeits-Wert großer, all-gültiger Kultur aufrecht und tasteten uns, Blinde im Reich jüdischnationaler Werte, vorwärts zum Weg der Gemeinschaft eigener Sehnsucht, eigener Klänge, eigener Verse, eigener Physiognomie. Wenn wir sagten und fühlten, daß alle große Kunst, wirksam geformt, im Pathos von Klang und Wort, im Vibrieren seelischer Erschütterungen, im Hochflug von Gedanke und Stoff immer auch ein jüdisches Herz besonders dann treffen und bewegen mußte, wenn Juden vor Juden agierten: so war das die Betonung eines Kompromisses zwischen allbekanntem Einst und unbekanntem Morgen. Aber schon hier — 1933 — wandte sich unser Sinn für das Theater ab von jener Konjunktur des jüdischen Dramas, wie es zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Asch, Nathanson, Bernstein, Herrnfeld, Galsworthy tendenziös propagiert wurde. Nein, das alles schien uns l'art pour l'art. Wenn wir damals mit Vorsicht an die Belebung des Publikum-Interesses für jüdisches Bühnen-Werk herangingen, so war zwar der Blick unrettbar mit der Blüte aller Emanzipierung verknüpft, aber das künstlerische Ergebnis hieß „Nathan der Weise" und nicht „Hinter Mauern". Gewiß: eine Flucht ins Ungewisse. Aber schon ein Jahr später bahnt sich der Weg zur dithyrambischen Größe des Jeremias-Stoffes, zur Mystik von „Jaakobs Traum", zur epischen Geschichte des „Reubeni", zur musikantischen Großtat des „Judas Maccabäus", zum „Nabucco" des Opern- Genies Verdi. Eine Linie des Versuchens, vom Ungewissen her über die Anfeuerung des Gewissens zum Wissen um den Schatz dessen, was den Juden in Deutschland an erzieherischer Kunst nottat. So war uns, ohne jede Bedenkenlosigkeit eines Nur-Experimentierens, ohne das Herauslösen aus der literarischen und dialektischen Bindung an ein Kultur-Jahrhundert, 4