Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 10 (10.1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 10 207 Der I. Wiener J. T. V. versendet als Auftakt der diesjährigen Winteraibeit folgenden Aufruf, der in seiner Art vorbildlich erscheint und der deshalb hier wiedergegeben sei. Die Red. Euer Hoch wohlgeboren! Der Erste Wiener Jüdische Turnverein tritt in das zwölfte Jahr seines Bestandes. Der Veiein hat es sich zur Aufgabe gesetzt, der Ausbildung des Körpers und der Festigung des Gemütes seine fürsorglichste Pflege angedeihen zu lassen. Unser Ziel ist ein hygienisches, soziales und kulturelles, und zwar ein solches edelster Art: Jüdische Männer voll Mut und Kraft, voll Strammheit und männlichen Selbstbewußtseins heranzubilden. Wer einmal Gelegenheit hatte, das kraftvolle, fröhliche Leben und Treiben auf unserem Turnplatze zu beobachten, wer sich die Mühe nahm, unseren Interessen näherzutreten und die wahrhaft hervorragenden Erfolge kennen zu lernen, welche der Verein bei seinen Mitgliedern erzielte, dem wird der Begriff des jüdischen Turners nicht mehr, wie dies so oft geschah, ein Lächeln abnötigen, in dem wird vielmehr der Gedanke des Bestählten, aufrechten, des turnenden Juden den Glauben an eine Wiederetstarkung unseres jüdischen Volkskörpers und den frohen Wunsch nach nutzbringender Mitarbeit wachrufen. „ Der Verein, der sich aus den kleinsten Anfängen in stiller und bescheidener, dafür aber um so erfolgreicherer Arbeit durch eigene Kraft zu einer angesehenen, achtunggebietenden Körperschaft entwickelt hat, fühlt nunmehr die Verpflichtung, mit einem warmen Appell vor die jüdische Öffentlichkeit zu treten, um sie für sein gemeinnütziges Wirken zu gewinnen. Denn der Verein wird seine Aufgabe erst dann erfüllt sehen, wenn die Idee der Notwendigkeit des Turnens, die bei den anderen Nationen bereits längst ein wesentliches Element der Entwicklung bildet, auch uns Juden geläufig geworden ist, bis auch wir Juden von der allgemeinen Erkenntnis durchdrungen sind, daß in unserer degenerierten, gemütsarmen Zeit neben den Stätten geistiger Bildung und aufreibenden Erwerbes der Turnboden ein unentbehrliches Kulturrequisit darstellt. Die zentrale Lage des Lokales, die modernen, hygienischen Garderoben und Waschräume, die günstige Einrichtung der Turnzeiten sowie der freiliegende geräumige Turnsaal bieten uns die Möglichkeit, unserem Ziele erfolgreich zuzustreben. Durch eine sorgsame Differenzierung der Altersstufen und eine peinliche Systematisierung des Turnbetriebes wird es vornehmlich Anfängern •eicht gemacht, sich in das Turnleben bald hfneinzufinden. Die niedrig bemessenen Monatsbeiträge und die Enthebung von jeder in den Statuten nicht enthaltenen Verpflichtung — der Verein ist völlig unpolitisch — kommen den Ansprüchen des breiten Publikums gleichfalls entgegen. Bis nun war es nur ein Teil der jüdischen Gesellschaft, dem das frische, , belebende Milieu des Turnbodens seine segensreichen Früchte spendete. Eine •ebensfrohe Schar von Männern und Jünglingen, Frauen und Mädchen ist unter fachmännischer Leitung im Vereine herangebildet worden. Wer sich "ns freudig an die Seite stellen will, wer sich der Qröße unserer reinen 1 urnidee nicht verschließen und ferne vom Getriebe des Alltags jene Summe v°n Frohmut und Lebenskraft sammeln will, die der Daseinskampf speziell uns Juden abverlangt, wem die Erstarkung seines Leibes und die Regenerierung seines Volkes am Herzen liegt, der sei in unserer Mitte herzlich willkommen. Der Turnrat.