Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 5 (5.1911)
- Date
- 1911-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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98 No. 5 Dort, wo die Kultur der Städte ihren EinfluB verloren hat, weitab von den Bahnlinien, kommt der Naturfreund zum rechten Genuß einer Wanderfahrt. Liebe zur Natur und Lust am Wandern haben im letzten Jahrzehnt eine starke Wanderbewegung geschaffen. Wer die Scharen der Wanderer gesehen hat, die am frühen Morgen hinausziehen, um einen freien Tag draußen zu verbringen, wird ein Bild von der Bedeutung der aufblühenden Wanderbewegung erhalten haben. Da sind vor allem die Vereinigungen des „Wandervogel", der ganz Deutschland in Wandergaue geteilt hat, und der Tausenden von Schülern genußreiche Fahrten bereitet. Der Schüler, der zu Hause alle Bequemlichkeiten hat, ist auf der Wanderung sein eigener Diener, aber auch sein eigener Herr. Rucksack, Lodenmantel, Zeltleinen, Kochgeschirr und Liederbuch bilden seine Ausrüstung. Qeld hat er wenig, aber genügend Vorräte aller Art, um eine Woche lang der Heimat fernzubleiben. Eine Schlafstelle auf dem Heuboden der Bauernscheune dünkt ihn vortrefflicher, als das Bett des Wirtshauses. Das gleiche Ziel, wie die Touristenvereine mit ihren Hunderten von Wandergruppen haben die Turnvereine: ihre Anhänger der Natur näherzubringen und dadurch den verderblichen Wirkungen der Großstadt entgegenzutreten. Auch die jüdischen Turnvereine haben das Wandern in ihr Programm aufgenommen, und unsere Turnzeitung berichtet des öfteren von wohlgelungenen Fahrten. In weiten Kreisen, zumal den höheren sozialen Schichten, gilt das Wandern einfach für überlebt. „Wozu gehen, wenn ich fahren kann," urteilt unser alter Freund Kaffeehausjude; ihm hat die Natur und Landschaft, die Bevölkerung mit ihrer Eigenart, nichts zu sagen, er sieht das alles am Fenster des Rauchkupees vorüberfliegend, und das genügt ihm. Der Wanderer aber ist bestrebt, die herrliche Gottesnatur zu erfassen, die ihn zu jeder Jahreszeit, im Winter sowohl als im Sommer, bei Regen und Sonnenschein, durch ihre Wunder erfreut. Denn das Wandern trägt nicht nur zur Erstarkung des Körpers bei, sondern hat auch großen Einfluß auf das Gemüt. Jedem, der die Farbenpracht der Natur und ihren Reichtum an schönen Formen sieht, muß das Herz aufgehen. Das Alltagsleben verschwindet dann vor unseren Blicken wie im grauen Nebel, und manche gute Regung keimt in uns, der wir sonst nicht Raum gegeben hätten. Nicht die Heerstraßen wollen wir gehen, nein, auf einsamen Pfaden Wald und Feld durchstreifen. Der Wandersmann soll nicht am Ziel haften. Ein Bad im Waldsee, ein Träumen aui grüner Wiese, passen allerdings nicht in ein „Programm" hinein, das aus einer Wanderung einen Wettmarsch macht. Nicht auf das Wieviel kommt es an, sondern auf das Wie; und darin wird noch immer viel gesündigt. Oft sieht man ausgerichtete Marschkolonnen, die ihr mangelndes Verständnis für Natur und Landschaft durch stramme Haltung zu ersetzen suchen, aber keineswegs etwas von dem echten Touristen an sich haben, der spähend wie ein Jäger durchs Oelände gehen soll. Auch das Wandern ist eine Kunst, die erlernt sein will. Zur Regeneration unseres jüdischen Volkes soll uns auch die Pflege der Wanderung dienen. Wir wollen sie als wichtigen Bestandteil unserem Arbeitsplan einfügen. Und wem es ernst darum ist, den alten Ghettogeist zu begraben, der wandere hinaus mit uns in den Frühling, um das gewaltige Lied vom ewigen Werden und Vergehen zu vernehmen — er wird gesunden. Der Sang der fahrenden Scholaren kündet zur Maienzeit: Wohlauf in Gottes schöne Welt, Die Luft ist blau und grün das Feld, Die Berge glühn wie Edelstein, Ich wandre mit dem Sonnenschein Ins weite Land hinein! Zugvogel.