Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 3 (3.1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 3 47 nicht einmal die Ansteckungsfähigkeit wird dadurch gehoben. Es ist also nach wie vor die Pflicht der jungen Männer, sich jahrelanger ärztlicher Beobachtung und ärztlich angeordneten Kuren zu unterwerfen, um nicht bei der Heirat die Gattin anzustecken. Besonders ist eindringlich vor den weitverbreiteten „Lehren" der Naturheilkundigen und sonstigen Kurpfuscher zu warnen, welche vorgeben, die Syphilis mit Wasser kurieren zu können; die Ansteckungsfähigkeit wird dadurch erhalten und die richtige Heilung, die sich seit Jahrhunderten bewährt hat, versäumt. Wir Aerzte versprechen bestimmt mit unseren Behandlungsmethoden die Beseitigung der Ansteckungsfähigkeit, wir können auch, z. B. mit dem Ehrlichschen Mittel, gewisse Symptome der Nachkrankheiten erfolgreich behandeln, aber die Entstehung der Nachkrankheiten können wir, offen gestanden, nicht verhüten. Die Syphilis beginnt als Hautkrankheit und endet manchmal nach 50 Jahren, oft genug auch früher als Krankheit innerer Organe und zwar sterben die Syphilitiker am häufigsten an Gehirnschlag, Gehirnerweichung, Aortenaneurysma, Herzlähmung oder Leberkrankheif und Arteriosclerose. Es sind das alles ursprünglich Alterskrankheiten, an denen die Syphilitiker vorzeitig erkranken und zu Grunde gehen. Wir kommen nun zu der dritten Form der modernen Sexualpathologie, zur geschlechtlichen Enthaltsamkeit, zu welcher auch die weit verbreiteten Präventivmaßnahmen gehören. Bis in die jüngste Zeit herrschte in der medizinischen Wissenschaft das Dogma von der Unschädlichkeit der sexuellen Abstinenz. Erst seit wenigen Jahren beginnt man vorurteilsfrei deren Gefahren für die Gesundheit zu studieren. Der geschlechtlich Enthaltsame erkrankt nicht sogleich. Er kann Jahre und Jahrzehnte seinem Beruf nachgehen, hervorragend geistig arbeiten, aber schließlich bildet sich bei ihm eine Tuberkulose oder eine konstitutionelle Neubildung oder eine seelische Erkrankung heraus. Die Ursache, warum die geschlechtliche Enthaltsamkeit gegenwärtig so schlecht vertragen wird, während in früheren Zeiten die alten Jungfern ein biblisches Alter erreichten, liegt namentlich in der durch das Großstadtleben, bei den Frauen durch die Berufstätigkeit bedingten Fülle von seelischen Konflikten. Die alte Jungfer von ehedem gab sich auf dem Lande oder in der Kleinstadt darein, daß kein Freier für sie vorhanden war oder zuzog, während die Mädchen in der Gegenwart zahlreiche junge Männer sehen, die dennoch »außerstande" sind, zu heiraten. Besonders bei den Juden ist dieser circulus vitiosus vorhanden: die jüdischen jungen Männer hüten sich, mit jüdischen Mädchen voreheliche Liebesverhältnisse anzufangen, und so leiden die rüdischen jungen Männer in den Kulturstaaten massenhaft unter Gonorrhoe und Syphilis, ganz abgesehen davon, daß die geheimen Verhältnisse mit Christinnen oft den ersten Schritt zur Mischehe bilden, während die zum Berufe gezwungenen Jüdinnen ebenso massenhaft unter dem erzwungenen Cölibat zu leiden haben. Hier feiert nun die Körperübung von jeglicher Form große Triumphe. Turnen und Sport wirken in dreifacher Beziehung auf die jungen Frauen und Männer ein — und dazu gehören auch die jungen Eheleute, die den* weit verbreiteten Präventivverkehr anwenden — welche zur geschlechtlichen Enthaltsamkeit gezwungen sind.