Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 3 (3.1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 3 45 klang, so traurig; und des tiefsten Pessimismus voll erscheinen diese Betrachtungen: Der Kulturwert der jüdischen Rasse ist zurzeit nur ei» potentieller und muü es unter den augenblicklichen Verhältnissen auch bleiben, weil die Juden seit 2000 Jahren als ein „Diasporavolk" leben. Das Judenvolk befindet sich in einem Zustand der Dissoziation, der Zersprengung, die immer, höhere Grade annimmt. Nun gibt es wohl zwei Faktoren in seiner Mitte, welche den auseinanderstrebenden Elementen entgegenzuwirken trachten: die Orthodoxie und den Nationalismus, welcher seinen letzten Ausdruck im Zionismus gefunden hat. Doch die Orthodoxie ist nicht imstande, die Bewegung aufzuhalten, denn die Religion ist kein Bindeglied mehr zwischen den Juden der verschiedenen Länder, sie ist es selbst Im Osten nicht mehr, je mehr die Kultur des Westens dort ihren Einzug hält. Aber auch vom Zionismus vermag er nicht das Heil zu erwarten. Zwar bezeichnet auch er das zionistische Programm — Rückkehr der breiten Schichten der Rasse zur Urproduktion, d. h. der Bebauung des Bodens, in geschlossenen Gebieten unter freien kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten — als den einzigen dauernden Schutz gegen die Auflösung der Rasse. Doch hält er die Verwirklichung dieses Ideals einstweilen für aussichtslos, weil es nicht gelungen ist, die im Judentum heute maßgebenden Kreise — die großen Gemeinden und die finanziell mächtigen Wohltätigkeitsinstitutionen — dafür zu gewinnen. Wenn also die Juden des Westens aufgehört haben, das Judentum zu konservieren und auch im Osten nur unter der Voraussetzung die Aussicht, es zu erhalten, besteht, daß das bisherige Ghettomilieu mit seiner Unbildung, seiner Not, seinem äußeren Drucke bestehen bleibt, so gibt es nach Zollschau nur noch zwei Möglichkeiten: Auflösung der Rasse oder physische Degeneration. In eine Grabrede für das Judentum, das er anfangs so hoch gestellt, klingt das- Werk Zollschaus aus, und Uber einer Volksbewegung, wie es der Zionismus ist, der uns in der kurzen Zeit von 13 Jahren so unendlich vieles «bracht hat, bricht er kurzerhand den Stab. Aber er sagt selbst: „Wenn Überhaupt eine Lösung der Judenfrage möglich ist, dann kann es nur der Zionismus sein." Wir jungen Juden, die wir die Zukunft unseres Volkes repräsentieren, haben noch das Recht, Optimisten zu sein. Vergessen wir deshalb die traurige Alternative, mit der Zollschau sein Werk beschlossen und endigen Heber mit den Worten Theodor Herzls: „Wenn das Judenvolk die Kraft aufbringen wird, sein Schicksal in der Tendenz des Zionismus zu entscheiden, dann darf es Kraft seiner hohen Anlagen einer neuen, für sich und die Gesamtheit noch wertvolleren Aera, »ls es die bisherigen waren, entgegenblicken."