Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 1 (1.1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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4 No. 1 von den Eigenschaften besitzen, die wir Christen uns oft bemühen ihnen abzustreiten, mag dahingestellt sein. Jedenfalls zähle ich die Juden zu den gelehrigsten und besten Boxern meines ausgedehnten Schülerkreises. Die Judenheit ist lange Generationen hindurch Verfolgungen ausgesetzt gewesen (und zum Teil vielleicht auch noch heute ausgesetzt), daß hierin e;ne Ursache für das Interesse zu finden ist, das die Rasse dem Boxsport von jeher entgegenbrachte. Denn das Boxen ist gleichzeitig ein äußerst wohltuender Sport, eine Art der gymnastischen Körperkultur in fesselnder Form, und das wirksamste Mittel der Selbstverteidigung mit den natürlichen Waffen des Menschen — den Fäusten. Oft kommen gerade die friedliebendsten Leute in die Lage, sich oder Angehörige übel beleidigen oder gar mißhandeln zu lassen, oder sich mit der wirksamsten, dabei aber stets humanen Naturwaffe, der Faust, zu verteidigen oder Respekt zu verschaffen. Das Boxen ist also etwa so praktisch für terra firma, wie das Schwimmen es für das Wasser ist. Wo man im letzteren Fall mit einigen kräftigen Stößen sich über Wasser hält oder ans Land schwimmt, da müssen uns oft einige sicher plazierte Hiebe von einer gefahrvollen Lage am Lande befreien. Nicht jeder weiß, wie hochstehend, diese Kunst des Boxens eigentlich ist. Um dem Laien ein Bild der Vielseitigkeit des kunstvollen Boxens mit Hilfe der mit dicken Boxhandschuhen bekleideten Fäuste zu verschaffen, mag «jr bedenken, daß er hiervon zwei Waffen gleichzeitig in Gebrauch hat. Es bedingt dies ein weitaus vielseitigeres koordinierteres Arbeiten als beim Fechten, z. B. auf Säbel oder Floret. Während die eine Waffe eine Finte mitausführen hilft, findet schon die andere bei einem Angriff Verwendung oder muß blitzschnell eine Parade machen oder einen Mitstoß führen. Gelingt eins von diesen nicht, so ist man bereit, durch eine geschickte Bewegung des Kopfes oder Körpers (mit Hilfe vielleicht schneller Beinbewegung) dem Angriff zu entschlüpfen. Wenn man nun noch in Betracht zieht, daß in Wirklichkeit dem Boxen weniger Gefahr anhaftet als sonst einer anderen gesunden Leibesübung, daß der Boxsport von den hervorragendsten Männern des In- und Auslandes bevorzugt wird, so darf man wohl den sportlich geübten Boxsport als das Ideal unserer Leibesübungen bezeichnen und hoffen, daß seine Verbreitung m Deutschland ebenso groß und rasch von statten gehen möge, wie in allen Kulturstaaten. Der sanftmütige Dichter Maeterlinck schreibt über das Boxen in seine» „Gedanken über Krieg und Sport": Betrachte man zwei Boxer! Kein unnötiges Wort, keine Unsicherheit, sondern bei beiden die Ruhe in der Gewißheit, was zu tun ist. Die athletische Stellung des Wartens, eine der schönsten des männlichen Körpers, bringt alle Muskeln mit Naturnotwendigkeit zur Geltung--. Es mag paradox klingen, und doch ist es leicht zu beweisen, daß die Kunst des Boxens zum Unterpfand des Friedens und der Verträglichkeit wird. Wer den Quell der Gerechtigkeit in seinen beiden geballten Fäusten kennt, braucht sich nichts einzureden. Er weiß ein für allemal Bescheid. D'e Langmütigkeit entspricht gleich einer friedlichen Blume seinem idealen, aber gewissen Siege und die gröblichste Beleidigung kann sein nachsichtiges