Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 10 (1909)
- Issue
- 10/11 (10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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190 No. 10/11 Jüdische Bauern. Daß man einen Berufs- und Klassenstand nicht schaffen, sondern nur fördern kann, daß man zu jedem Stand Menschen braucht, die ihm entsprossen und mit seiner Arbeitsweise aufgewachsen sind, das haben die Erfahrungen gelehrt, die man in Argentinien mit jüdischen Kolonien gemacht hat. Wohl kann man aus allen Berufsständen Ueberga'nge in andere Stände schaffen, jedoch auch dies nur bedingungsweise und in beschränktem Maße. Dabei hat der Handwerkerberuf den engsten Spielraum, einen noch begrenzteren aber der Bauernstand. In beide Berufsarten lassen sich nur ganz junge Menschen einfügen, die noch genug Elastizität und physische Spannkraft haben, um damit zu verwachsen. Auch das haben die Juden mit den Bauernkolonien in Argentinien erfahren. Während die Augen der ganzen jüdischen Welt der Entwickelung der Dinge in diesem südamerikanischen Staate zugewandt waren — waren doch dort Summen investiert worden, mit denen man hätte bei fach- und sachgemäßer und nicht galoppierender Behandlung von Land und Leuten ganz Palästina kolonisieren können — entging den meisten, daß in den Vereinlg*en Staaten Nordamerikas ein kräftiger Bauernstand aus den einwandernden Juden langsam herauswuchs. Nach einer Zählung, die indessen zugestandenermaßen wohl um ein Drittel hinter den tatsächlichen Ziffern zurückbleibt (weil viele Distrikte nicht einbezogen sind) leben in Amerika an 2200 jüdische Farmerfamilien, zu deutsc Bauern, mit über 12 000 Seelen, einem ansehnlichen und wertvollen Bodenbesitz und darunter bereits sehr vermögenden Leuten. Es wird die Leser interessieren, daß diese jüdischen, überwiegend aus Osteuropa eingewanderten Bauern, bereits eine eigene Monatsschrift ,f>e Jüdische Farmer" begründet haben, in der momentan die Vorzüge des lan wirtschaftlichen Genossenschaftswesens lebhaft erörtert werden. Von dem Bauernstädtchen Woodbine in Pennsilvanien, das der Verfasser dieses Artikels selber einmal besichtigte, können Zweifler und Qegner der Bodenkulturbestrebungen vielerlei lernen. Erstens, daß die Juden z Selbstverwaltung nicht erst der Autorität eines Nichtjuden bedürfen, zweitens, daß Respekt vor dem Oesetz und Disziplin dem jüdischen Bauern ebenso*« innewohnt, wie anderen Nationen und Ständen. Woodbine, das einen freu liehen, reinlichen Eindruck macht, hat eine städtische Verwaltung, die muste " gültig ist, mit nur jüdischen Beamten; eine eigene jüdische und vorzüg geschulte Feuerwehr, Straßenbeleuchtung, Lesehallen, selbstverständlich K» haus, Schulen, Bibliothek, Synagoge, eine Bank usw. Für Oeselligkeit un^ geistige Bedürfnisse — und diese sind gar nicht so bescheiden! — sorgt Jugend zumeist. Vor fünf Jahren sollte ein Theater errichtet werden. Wie aus diesen kurzen Darlegungen zu ersehen, eignet sich die ^|"s^ Rasse ebenso wie jede andere für die Bodenkultur und kann auch darin den tüchtigsten Bauernvölkern konkurrieren. ... Aber dazu ist absolut notwendig, daß die Leute von Jugend an o bauarbeit geleistet haben. Das Geheimnis des Erfolges jüdischer Bauev\ge den Vereinigten Staaten des Nordens und der Jahrzehnte langen Mißer