Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 10 (1909)
- Issue
- 10/11 (10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4921092-5965117-5965295--2564-4925380- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 10/11 187 denzen beider Bewegungen wird dies lehren und vor allem gleichzeitig Gelegenheit geben, über die Stellung der „Jüdischen Turnerschaft" zum Zionismus Klarheit zu verbreiten. Das zionistische Programm erstrebt die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk. Wesentlich ist dieser Bewegung das politische Moment. Sie alle wissen, daß ein starkes Nationalbewußtsein die Juden erfüllte, als sie noch ihren alten Heimatsitz innehatten und daß es feurig aufflammte mit dem Verlust des historischen Bodens. Es war ein begeisterndes Qefühl, das in seinen Aeußerungen ergreifende und erhebende Formen annahm, dichterisch verklärt und veredelt wurde, aber im allgemeinen nicht zu politischen Aktionen führte, sondern unsere Dichtung bereicherte. Ein Blumengarten von Liedern sproßte aus dem mit dem Schmerz und der Sehnsucht des jüdischen Volkes getränkten Boden uPPig hervor und hielt das Nationalbewußtsein wach, die wirkende Tat aber blühte spärlich und verblühte bald. Wir finden nur wenige Männer der Tat seit der Zerstörung Jerusalems, die da fühlten, daß in dieser Welt der harten Tatsachen insbesondere Taten wirken und die danach handelten oder durch die Macht der Dinge gezwungen wurden, zur Tat zu greifen. Die letzte Tat aus der Fülle der Begebenheiten unserer Qeschichte ist die Schöpfung und Organisierung des politischen Zionismus. Kühn hat Theodor Herzl mit einem Schlage die Judenfrage aus ihren alten Oleisen der schmerzlich-poetischen Resignation und des Volksbeglückertums mit Ausschluß der Juden gerissen, indem er das politische Moment in den Vordergrund rückte. Er war es, der ebenso entschlossen wie erfolgreich die Zusammenfassung der jüdischen Volksmassen zu zionistischen Qruppen "nd Verbänden in Angriff nahm. Der politische Faktor und die streng danach bemessene Tätigkeit Herzls charakterisiert den modernen Zionismus und unterscheidet ihn scharf von allen vorangegangenen jüdischen Kolonisations- Projekten und kolonisatorischen Versuchen. Die jüdisch-nationale Turnerschaft unterscheidet sich vom Zionismus sehr wesentlich dadurch, daß das politische und territoriale Moment bei ihr Vo'lig in Wegfall kommen. Unser Verband scheidet das Politische grundsätzlich aus. Sein Zweck ist bedingt und beschränkt auf das jüdisch-nationale Prinzip. Mittel zur Erreichung dieses Prinzips ist das Turnen. Der Verband Wendet sich an die Juden, gleichviel wo sie wohnen und wohnen Verden. Er würde selbst nach Erreichung des Baseler Programms keineswegs überflüssig werden. Jüdische Turnvereinigungen wären dann — ebenso wje jetzt — bei den zurückbleibenden Juden berechtigt und am Platze. Das Substrat unserer Bewegung ist das Jüdische Volk, d. h. alle diesigen, die lebendiges jüdisches Volkstum in sich tragen und sich zur jüdischen Stammesgehörigkeit bekennen. Nicht bedarf es dazu eines eigenen Länderstreifens und ebensowenig eines politischen Zieles. Wir betrachten das jüdische Volk als eine Volksindividualität mit eigentümlicher Kulturentwitk- '"ng und Kulturgemeinsamkeit. In diesen uralten, im Lauf der Jahrtausende »^gestalteten und sehr entwickelungsfähigen Kulturkreis und seine Probleme einzudringen und die Schätze unserer Volkskultur zu pflegen und in uns aufzunehmen, ist nationale Pflicht. Das Streben nach Disziplin und körperlicher Vollwertigkeit bildet unsere turnerisch-nationale Aufgabe.