Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 10 (1909)
- Issue
- 9 (9.1909)
- Date
- 1909-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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158 No. 9 Bericht Uber die Tnrnbewegnng in' Oalizien. Gegeben von Dr. Katz-Brody auf dem IV. Jüdischen Turntag zu Berlin. tSchluss.) Es gehört demnacli viel Mühe. Aufopferung und Selbstverleugnung dazu, um einen Verein zu gründen und zu erhatten. Und die Schwierigkeiten sind noch größer, da erst langsam Verständnis für die Notwendigkeit der Leibesübungen, Verständnis für den pädagogischen, sozialen und organisatorischen Wert des Turnens im allgemeinen und das Turnvereinsleben im besonderen gewonnen werden kann. Die Agitation ist nur schwer in den Kreisen derjenigen Leute, die infolge ihrer Erziehung, ihrer Lebensanschauungen und Lehensgewohnheiten nicht genügendes Verständnis für die Sache haben können. Ich meine Leute, die nicht den Kreisen der Gymnasial- und Hochschulstände angehören, welche letztere während ihres Studiums Gelegenheit haben, die Bedeutung der Pflege der Leibesübungen kennen zu lernen. Die Agitation muß also Leute des Handels- und Handwerkerstandes, die orthodoxen Juden, umfassen. &ie schlechte materielle Lage, der Kampf um das Dasein übt bei den ersteren einen Druck auf die moralische Entwicklung in der Richtung aus. daß sie allen ihren Ernst und alle Energie in ihrem engsten Berufskreise aufwenden müssen, daß sie dadurch das Verständnis für alles das verlieren, was außerhalb ihres Berufskreises liegt. Ihr Charakter hat etwas Drückendes, Niederschlagendes an sich, und ihre Unterhaltung und Spiele tragen diese Merkmale deutlich aufgeprägt. Es ist schwer, ihnen Verständnis für abstrakte ideale Unterhaltungen und Spiele abzugewinnen, die sich nicht in gleich sichtbaren und faßbaren Erfolgen äußern. Die orthodoxe Jugend andererseits huldigt gewissermaßen einer Art asketischer Anschauung, möglichst weitgehender Ausbildung und Ent" Wicklung des Geistes bei vollständiger Vernachlässigung des Körpers. 1)1,0 die Wirkungen dieser Anschauung sind fatale Leibesgebrechen und fleis.t.e^ krankheiten, in ihren Kreisen sehr häufige Erscheinungen. Natürlich I»1" sich eine solche Anschauung nicht leicht bekämpfen und erfordert eine riesige Ausdauer, Zeit und Energie. Die Mittel für die Erreichung dieses Zweckes, der Bekämpfung obiger Anschauung, sind nicht zahlreich und nicht ganz wirksam. Die Aufklärungsarbeit in Wort und Schrift ist eine minimale; diejüdischePresse ninmjj zur Frage der körperlichen Erziehung gar keine Stellung. Agitatorisch duren Vorträge wird gar nicht gewirkt, denn es ist auch niemand da, der wirke» wollte oder könnte, und eine solche Persönlichkeit findet nicht leicht materiell»- Unterstützung. Die Agitation durch die Tat hat gewaltige Hindernisse. Sie leidet an Mangel an Turnlehrern, Turnsälen und Turngeräten; wo das eine da 'S*' fehlt das andere oder alle drei. Qualifizierte Turnlehrer sind nicht vorhanden. Turnunterricht müssen Turnautoritäten nach bestem Können und Wis**" erteilen, aber diesen fehlt oft jede Kenntnis der elementarsten Begriffe <Jer Physiologie, jede Systematik und Methode. Wo nicht ein qualifizierter f0*0'' lehrer*) aufgenommen werden kann, verflacht der Turnunterricht imnl\. mehr. Der Turnautodidakt verfügt ja nicht über genügenden Übungsstoff, oae der Verein muß ein Zirkus im kleinen werden, nur für Kunststücke jeden pädagogischen Wert. *) Sokol ist der Name der polnischen Turnvereine.