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Jüdische Turnzeitung · 1909-08-01 · 8 (8.1909) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
10 (1909)
Issue
8 (8.1909)
Date
1909-08-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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128 No. 8 Bericht Uber die Tarnbewegung in Galizien. Gegeben von Dr. Katz-Brody auf dem IV. Jüdischen Turntag zu Berlin. Die Agitation für die Turnidee in Galizien ist keine leichte; zugleich ist sie aber sehr notwendig und dankbar. Mit Rücksicht auf die physische Entwickelung der galizischen Juden ist die Gründung von Turnvereinen in Oum so dringender und notwendiger, da die Lebensverhältnisse immer schwieriger werden und die Heranbildung von physisch und moralisch kräftigen, widerstandsfähigen, ausdauernden Individuen eine Frage der künftigen Existenz der Juden ist. Die Agitation ist eine dankbare, wenn man den Nutzen berücksichtigt, den dieselbe bringt, so daß bereits jeder, wenn auch scheinbar geringe Erfolg, große Bedeutung hat. Und es gewährt tatsächlich eine gewisse Freude, wenn man bemerken kann, daß hier oder da der eine oder der andere Talmudjünger in den Abendstunden das Buch wegwirft und ein klein wenig für sein leibliches Wohl besorgt ist. Solche Jünglinge sind zwar „weiße Raben"; aber der Anfang ist gemacht, zögernd und langsam folgen andere. Die Schwierigkeiten für die Agitation sind mannigfacher Art. Grundbedingung für die Entstehung und Verbreitung der Turnvereine ist vor allem das Verständnis für die Sache, für den Inhalt der Turnbewegung. Und da stoßen wir vorerst auf das schwierigste Hindernis. Es handelt sich darum, hierbei der Bevölkerung zum Bewußtsein zu bringen 1. daß die Juden physisch viel schwächer entwickelt sind, als die Nichtjuden, 2. daß manche Krankheiten ausschließlich bei Juden eine ungeheure Verbreitung haben, 3. daß Leibesbewegungen für die Entwickelung des Körpers unbedingt notwendig sind. Das bisherige Erziehungssystem der galizischen Juden ist geeignet, schon in jungen Jahren bei den Kindern Krankheitskeime und Körpergebrechen hervorzurufen und auszubilden. Mit drei Jahren kommen die Knaben bereits in die hebräische Schule (Cheder), wo sie in Massen m aunklen, schlecht gelüfteten Zimmern zusammengepfercht werden; drei, vier oder fünf bei einem Buche, alle gleichzeitig schreiend; abends nur beim Scheine einer Kerze. Im Winter kommen sie überhaupt nicht an tlie frische Luft, höchstens auf dem Hin- und Rückwege in die Schule. Im Sommer dagegen treiben sie ihr Spiel in einem kleinen engen Hofe oder auf der Straße, ohne Aufsicht und Leitung. Man betrachtet nicht das Streben der Kinder nach Bewegung, nicht die Richtung, die ihre Instinkte nehmen, um dieselbe in einer für die Kinder günstigen Weise zu leiten. Besucht das Kind das Cheder nicht, so ist seine Erziehung eine bessere. Es wird der Straße überlassen. Es muß sich selbst sein Spiel wählen, es folgt seinem Triebe, und die Mittel für die Befriedigung desselben sind mcn immer die für die Erziehung günstigsten. Daß nachteilige Wirkungen einer solchen Erziehung zurückbleiben, ist natürlich: Verrohung und Verwilderung- Kindergärten mit geschulter Aufsicht sind wenige vorhanden. Kornm' das Kind in die allgemeine Schule, dann sorgt die Schule nicht in dem Mau für die physische Erziehung, daß den vielfachen Übeln abgeholfen wera kann. Viele Schulen haben Uberhaupt keine Spielplätze und 'ce!" Turnhallen. Das Turnen ist überhaupt in den Schul nicht obligat. Engbrüstig und kurzsichtig wachsen die Kinder her« und nach Verlassen der Schule und nach dem Ubertritte ins prakii$c Leben verschlimmern sich die Verhältnisse. Es liegt dem ganzen Erziehung System die Anschauung zugrunde, daß die Körperbewegungen gar ke Bedeutung haben, daß sie unnötig sind.

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