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Jüdische Turnzeitung · 1908-12-01 · 12 (12.1908) · p. Seite 220

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
9 (1908)
Issue
12 (12.1908)
Date
1908-12-01
Page
Seite 220 (sequence 14)
Language
German
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220 No. 12 dem Kampf ums Dasein zu erklären, dem Sport einen so grossen Reiz, dass er oft ihrer wegen aHein betrieben werden kann. C. W. Rubenson, der junge Norweger, der nun mit seiner Besteigung des Berges Kabru im Himalaja einen neuen Weltrekord aufgestellt hat, sagte einmal im Jotun-Qebirge zu einem meiner Freunde: „Du steigst auf die Berge der Aussicht wegen — natürlich. Ich aber bin so kurzsichtig, dass ich nie diesen Qenuss voll und ganz habe, und doch treibt es mich hinauf." Mein Freund neckte ihn einige Tage mit dieser anscheinend rein körperlichen Bravour. Aber in einer Nacht, in der er selbst einen schwierigen Abstieg hinter sich hatte, traf er Rubenson wieder und erzählte ihm nun seinerseits mit begeisterten Worten von seiner Klettertour. Rubenson hörte lange zu, setzte ironisch den Zwicker zurecht und sagte lächelnd: „Nur eine ganz kleine Frage: Hast du auch etwas gesehen?" Mein Freund war geschlagen, denn teils schlechtes Wetter, teils Dunkelheit hatten jede Aussicht bedeckt, und trotzdem erschein ihm diese Tour wunderbar. Sie war doch nicht nur rein physisch gewesen, sie hatte auch den Verstand in ständiger Spannung gehalten. Der Qeist musste jede Bewegung des Körpers berechnen und überwachen. Aber die Kräfte des Verstandes, die hier vor allen tätig waren, sind die, die den tierischen Instinkten am nächsten stehen, im Werktagsleben aber nicht mehr gebraucht werden. Daher der grosse Reiz. Auch die Naturfreude des Städters ist Heimatsfreude im weiten Sinne. Die Bewegung in freier Natur bei Anspannung aller aus einem früheren Dasein noch vererbten Kräfte führt uns ins Tal unserer Vorfahren zurück. Und wie dem nach langer Reise Heimkehrenden jede Kleinigkeit sich liebreich aufdrängt, findet der Städter auch da schon Wunderbares, wo der Landbewohner, auch der naturfreudige, nichts Bemerkenswertes sieht. Die verschärfte Verstandesbildung des Städters macht seinen freiwillige11 Kampf ums Dasein, seinen Fortbewegungssport zu einem doppelten Oenuss. Er sucht beide Reiche, das der Schönheit und das der Kräfte. Die physische Anstrengung lenkt ihn von den Plagen seines täglichen Strebens ab und löst die rein menschlich-ästhetischen Möglichkeiten in ihm aus. Seine Menschlichkeit stellt die tierischen Kräfte in den Dienst seiner Intelligenz. Diese eigenartige Wechselwirkung des Bewussten und Tierischen hebt ihn. Seine Kräfte fühlen sich wieder in ihrem Urelement, i:nd sein Qeist findet die Urheimat, die freie grosse Natur. Man sieht, ich kann mich nicht entschliessen, den Spielsporten einen grösseren Platz einzuräumen, trotzdem ich sie von früher Kindheit an sehr gern betrieben habe und einzelne auch jetzt noch oft — in Ermangelung des Besseren — mit viel Vergnügen ausübe. Die Naturfreude und die Auslösung unserer feineren Instinkte fehlen ihnen. Die Höhepunkte des Sportlebens fand ich nur auf unbegrenztem Terrain. Im Skisport, auf dem Pferderücken, auf der Birsch, im Automobil und Segelboot — wenn ich das Fahrzeug selbst beherrschte —, im Bergsport. Draussen, in der weiten Natur, im stillen, frischen Wald oder auf den schönheitstrahlenden Winterbergen, wo Kampf und List mit der Kraft der Natur und der eigenen Schwäche ringen, ist die Heimat des Sports. Max R. Zechlin. Mit Erlaubnis der Redaktion entnehmen wir diese Arbeit dem ,ßer' liner Tageblatt".

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