Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 9 (1908)
- Issue
- 8/9 (8.1908)
- Date
- 1908-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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166 Immer drei Teilnehmer turnten gleichzeitig dieselben Übungen, deren hoher Schwierigkeitsgrad durch die verlangte gleichmässige Ausführung naturgemäss noch eine Steigerung erfuhr. Auch hier war durch die Anwendung der verschiedensten Übungsformen Bedacht genommen auf gründliche Durcharbeitung der Gesamtmuskulatur. Das Barrenturnen wurde durch eine Reihe von Sprüngen über ein 1,35 m hohes, langgestelltes Pferd abgelöst, das die schwierigsten, Kraft und Mut in gleichem Masse fordernden Übungen in schöner Ausführung brachte, wenn auch die Sicherheit der Darstellung etwas litt unter dem unsicheren Anlauf auf schlüpfrigem Rasen. Den Schluss der deutschen Vorführung bildete ein Kürturnen am hohen Reck." Sonntage eines grossstädtischen Arbeiters in der Natur. Es ist schade, dass diejenigen, die am wahrsten und aufrichtigsten fühlen, selten fähig sind, anderen durch Wort und Schrift Einblick in ihr Seelenleben zu gewähren. Was weiss der Durchschnittsgebildete davon, wie sich die Welt im Innern eines grossstädtischen Arbeiters malt? Was weiss er davon, dass es noch eine hohe und reine Freude gibt, die nicht zum Privileg des Besitzes geworden, die Freude an der Natur? Nur wenige Auserwählte können da Dolmetsch sein. Schlichte, liebende Naturen, die verstehen wollen. Das vorliegende Buch") ist ein herrliches Dokument dieser sozialen Liebe. Qrottwitz lässt uns einen Berliner Arbeiter auf seinen Sonntagswanderungen begleiten. Bei Regen und^Sonnenschein zieht er hinaus und weiss einer jeden Jahreszeit und jeder Witterung ihre Schönheiten abzugewinnen. Er kennt keine „Saison". In der Natur gibt es keine Fabrikware, die begonnen und fertiggestellt wird. „Blüte, Frucht und wieder Same, wo ist Anfang, wo ist Ende?" Am liebsten wandert Herr Tanzmann alleine. Weshalb wohl? Nicht als ob er ein Rauhbein wäre und die Oesellschaft seiner Kollegen auch sonst geflissentlich miede. Im Gegenteil, er weiss, wenn jemand mitkommt, dann nimmt die Unterhaltung kein Ende und mit den Worten schweifen die Gedanken zurück in die rauchgeschwärzten Wände des lärmenden Berlins, oder man wird gar politisch, und das will Herr Tanzmann vermeiden. Wir reden vom „Wandersport". Das gesundeste Merkmal des Sports ist wohl das, dass die Gedanken zeitweise auf Kosten der Muskelarbeit ruhen. Der Gang ist uns zu einer derart gewohnten Übung geworden, dass er auf ebener Bahn unser Denkvermögen nicht absorbieren kann. Da beschäftigen wir uns denn am besten mit dem Nächstliegenden, mit der Natur um uns. So liebt es auch Herr Tanzmann. Ihm genügt es nicht, das Grün des Waldes, das Gelb der Ähren oder die Majestät eines Sonnenunterganges auf sich wirken zu lassen, ihm erzählt ein jeder Baum, eine jede Pflanze von ihrem Schicksal, von ihrer Bestimmung, von dem, was sie braucht, und weshalb sie ihren Standort gewählt hat. Erst so kriegt er es fertig, Sonntags ganz aus der Stadt ratiszukommen, als anderer, stolzerer Mensch, nur sich selbst zu geniigen. Nur manchmal kann er S'CJS nicht versagen, ein wenig zurückzudenken; wenn er sieht, wie auch <>a draussen nichts ohne Kampf abgeht, wie auch dort der Schwache dem Starken unterliegen muss, dann reizt es ihn zu Vergleichen. Er denkt ja überhaupt viel in Bildern, da die Sprache ihm nicht recht dienen will. Für den Kle"1' *) »Sonntage ein» groiitldtiachen Arbeiten in der Natur". Von Cur Grottewitz. Mit einem Vorwort von Wilhelm Bolscbe. a, Auflage. Berlin i9°7- Verlags-Bachhandlnng Vorwärts, Berlin 79. Gr. 80. Preit gebd. Mk. 1.—.