Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 9 (1908)
- Issue
- 4 (4.1908)
- Date
- 1908-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4 79 Bücherschau. Der Rhythmus als Erziehungsmittel für das Leben und die Kunst. Sechs Vorträge von E. Jaques-Dalcroze, deutsch von Paul Boepple. Qr. 8°, 153 S., M. 3,25, Verlag Helbing & Lichtenhahn, Basel. Rhythmus als Erziehungsmittel verlangt der Schweizer Jaques-Dalcroze in seiner neuen Methode der „rhythmischen Gymnastik" (s. VIII. 11. 12.), und Margarete N. Zepler, die bekannte Berliner Reformatorin auf dem Gebiete der Körperkultur, wirbt kräftig für diesen alt-griechischen Gedanken: eine musikalische und gymnastische Ausbildung der Jugend zu idealer Harmonie des Geistes und Körpers. Jetzt, wo Jeder die Schlagworte „Kalisthenie" und „Physiologie ist Ästhetik" im Munde führt, kann auch der Turner, der bisher stolz auf Jahn und Spiess pochte, nicht mehr schmollend abseits stehen; ermuss zu der grossen modernen Aufgabe der Entwicklung des Sinnes für die Harmonie der Linien und der Bewegung Stellung nehmen. Die Bedeutung der Methode liegt vor allem darin, dass sie der Jugend die Welt des Rhythmus erschliesst. „Im Rhythmus werden die grossen und wunderbaren Gesetze der Bewegung erkennbar. Im Rhythmus der Brandung, im Rhythmus des Glockenklanges ahnen und empfinden wir lebendig die Bewegungsgesetze der Wogen und der Schallwellen, bevor wir sie wissenschaftlich kennen lernen. Alles Geschehen in der Natur und im Leben vollzieht sich im Rhythmus. Der Rhythmus beherrscht auch den Menschen, und wenn wir die Gesetze unserer Natur erfüllen, wenn wir die uns verliehenen Kräfte befreien und im Sinne schöpferischen Menschentums verwenden wollen, so müssen auch wir lernen, den Rhythmus in uns selbst und unserem Leben erkennbar zu machen" und ihn zu verwirklichen durch zeitlich und räumlich geordnete Bewegungen. Der Rhythmus ist ein Element der Musik. Durch die Rhythmusgymnastik wird daher im Volke ein besseres Verständnis für die Musik erweckt; la es wird nach Jaques der Rhythmus gestaltend und verbessernd auf dieselbe einwirken und wieder zur Vereinigung von Gymnastik und Musik rühren, wie es im klassischen Altertum der Griechen war. Gymnastik und Musik gehören zusammen. Das fühlte man schon längst. In Turnlehrerkreisen war daher von jeher das Bestreben, die beiden Künste, die sich im Laufe der Jahrhunderte voneinander getrennt und spezialisiert haben, wieder zu vereinigen. Man suchte beständig nach einer passenden Form. Ordnungs- und Freiübungen wurden zu geordnetem Ganzen, Reigen genannt, zusammengefasst und unter Musikbegleitung zur Darstellung gebracht. Heute sieht man, dass diesen Gebilden der Ausdruck, das Leben, die Seele fehlt, und man ist bestrebt, die Reigen zu reformieren. Sie sollen werden ein Darstellen und ein Ausleben von Gefühlen. Gewiss wird uns beim Suchen nach der neuen Gestalt der Reigen die Rhythmusgymnastik, die Methode Jaques-Delcroze, grosse Dienste leisten können, speziell die langsamen „Märsche". Wer schon einen derselben z. B. „Der Säemann" oder „Die Anflehung" von Schülerinnen des Institutes für rhythmische Gymnastik in Genf ausfuhren sah, war überrascht von dem Ausdrucke, den die Schülerinnen in die Bewegung legten, ward tief ergriffen von Gefühlen, die durch diese Bewegungen in ihm erweckt wurden. Die Methode Jaques-Dalcroze zeigt uns, dass in der Gymnastik eine Energiemenge liegt, die man bis zur heutigen Stunde nicht wirken Hess. Sie dem Leben dienstbar zu machen, ist eine gewaltige Kulturaufgabe. —n.