Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 9 (1908)
- Issue
- 3 (3.1908)
- Date
- 1908-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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56 No. 3 Mahr. Ostrau. Der hiesige Turnverein veranstaltete am 25. Januar ein Wintervergnügen in Gestalt eines „Narrenabends", das bei gutem Besuch angeregt verlief. Vermischtes. Der Karlsbader Turnklub (Kreis XVb der Deutschen Turnerschaft), der sich zu 99 Prozent aus Juden rekrutieren soll, benützt als Turnboden den Betsaal des „Kaiser Franz Josef-Regierungs-Jubiläums-Hospizes für arme Israeliten", Eigentum der israelitischen Kultusgemeinde in Karlsbad. Dort ist das bekannte Sinnbild des Judentums, der Stern, in den Ecken Und in der Mitte als Deckenmalerei angebracht. Die „Deutsch-österreichische Turnzeitungkommentiert diese Notiz in ihrer Weise und fragt schliesslich: „Warum suchen sich diese*Leute von allen Völkernamen der Welt just die Bezeichnung „Deutsche Turner" aus? — Wir unsererseits glauben, dass es sich im Zeichen des Mögen Dovid ganz gut turnen lässt. Uns ist er nicht Notbehelf, sondern stolzes Wahrzeichen. Vielleicht wird es auch jenen „Geduldeten" noch einmal dämmern, dass sie erst dann ganze Turner sein werden, wenn sie ihr Judentum, das man hinter ihnen herruft, frei hinausrufen in eine Welt voll Feinden und sich als Juden zu jüdischem Zweck organisieren und körperlich kräftigen! Der Taktteufel. Dem Märzheft von „Körper und Geist" entnehmen wir aus einem Briefe des Dr. Martin Vogt-München „an einen jungen Turnlehrer" folgende Sätze, welche, obgleich sie sich auf das Schulturnen beziehen, unsere turnerischen Leser interessieren werden. Man vergleiche unseren Artikel „Drill oder Übung in unseren Turnvereinen?" (IX, 1.) „Es gibt eine Turnlehrerkrankheit: Furor rhytmicus quadratus, deutsch „Taktteufel". Das schmückende Beiwort quadratus vierkantig führt der Taktteufel deswegen, weil sich dieser unbeholfene Geselle nur in dem absolut regelmässigen Viereck der Zahlen 1—4 bewegen kann und darf. Hat er dies Viereck in gleichmässigen Absätzen den Längsseiten nach durchhüpft, so beginnt er seinen alten Weg wieder von vorn, und so geht es stumpfsinnig fort und fort, ewig in gleichbleibendem Geleise. Diese heimtückische Krankheit hat auch Dich gefasst, mein Bester, und sie hält Dich, ohne dass Du vielleicht darum weisst, tüchtig fest. In den drei Vormittagstunden, die ich Deinem Unterricht beiwohnte, habe ich's zur Genüge wahrgenommen. Wohl an die tausendmal kams von Deinen Lippen, das Eins—zwei—drei—vierl grell, in scharf durchdringendem Akzent, eins—zwei—drei—vierl bei den Ordnungsübungen, bei den Freiübungen, bei den Oeräteübungen. Kaum eine Übung gab es, die Du nicht im Viertakt hättest ausführen lassen. Noch stundenlang hörte ich, wo ich mich auch befand, Dein gellendes Eins—zwei— drei—vier! im Zimmer, auf der Strasse, im Freien. Vorbei wars mit meiner Seelenruhe; ich wollte lesen, es war nicht möglich, ich musste beständig von 1 bis 4 im Takte zählen, beim Schreiben bewegte sich die Feder ohne meinen Willen taktmässig, mein Mittagsmahl nahm ich im Viertakt ein, wie eine Furie verfolgte mich der vierkantige Rhytmus den ganzen Tag über, bis mich der barmherzige Schlummer, freilich auch nur von eins bis vier, von meinen Qualen befreite." — „Gegen das Taktturnen will ich mich durch, aus nicht wenden, aber was ich zu tadeln habe, ist der Taktteufel,, das übertrieben, stetig, allerorts angewendete Taktturnen, die Manie, alles In den engen, viereckigen Rahmen hineinzustopfen, alles und Jegliches, ob es nun dreieckig, rund, oval, rechteckig oder von sonst einer Form ist, unbarmherzig mit der Schere in regelmässige Vierecke zu zerschneiden." — „Die tadellose Taktausführung zustande zu bringen, gilt vielen als oberstes