Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 8 (1907)
- Issue
- 10 (10.1907)
- Date
- 1907-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 10 179 Ringen, die schwedische Gymnastik, das deutsche Turnen und das englischamerikanische Boxen erreichen wollen: einen möglichst behenden, kraftvollen und gesunden Leib als Wohnstiitte eines ruhigen und tapferen Geistes. Von altersher ein Vorrecht und Geheimnis der Samuraiklasse und nach der Restauration Gemeingut der breiten Schichten des Volkes, ist das Djiu-Djitsu auf dem Prinzip aufgebaut, dass ein Schwächerer imstande sein soll, einen stärkeren Gegner anzugreiien und zu besiegen durch unvermutete Griffe und eigenartige Tricks, die dazu dienen, die Schwächen des Gegners zu finden iiiid seine Kraft gegen ihn selbst auzunützen. Djiu-Djitsu bedeutet wörtlich „Muskelbrechung und bezweckt die höchste Ausbildung der Körperkraft und Gelenkigkeit. Hierbei ist zu bemerken, dass jeder Trick, den Gegner zu Falle zu bringen, im Ernstfalle nach japanischer Anschauung durchaus erlaubt ist, — ein Punkt, den unsere Sport- und Athletenkreise, die sich für die ruhig-vornehme Art griechischer Kampfesweise begeistern, mit mehr oder weniger Recht dem asiatischen System vorgeworfen haben. Das erklärt sich aus allgemein asiatischen Anschauungen. Der Edelmut des Japaners beginnt erst mit der Besiegung des Gegners. Im Kampf selbst ist jedes Mittel, insofern es zur Bekämpfung des Feindes beiträgt, gestattet. Das Djiu-Djitsu ist nicht nur ein System gymnastischer und athletischer Kniffe und Kunstgriffe, es umfasst auch eine gründliche Kenntnis der Anatomie, der rationellen Ernährung des Körpers, des Wertes der äusseren und inneren Anwendung des Wassers, wie der Luft und sonstiger Grundregeln einer naturgemässen Lebensweise. Lie Lebensweise des Japaners ist vorwiegend vegetarisch. Fleisch erscheint selten auf seinem Tisch. Der Hauptbestandteil der japanischen Kost ist Reis in gekochtem oder gedämpftem Zustande, der bei jeder Mahlzeit in grossen Quantitäten verzehrt wird. Daneben die verschiedensten Arten Fische, die oft roh genossen werden. Von Vegetabilien: Bohnen, Tomaten, Gurken, Salate, Zwiebeln und verschiedene Kohlarten. Früchte werden zw ischen den Mahlzeiten gegessen. Das Hauptgetränk bildet lauwarmer Tee, doch wird auch ein recht geniessbares Bier neben dem stark-alkoholartigen Sake oder Reisbranntwein getrunken. Im Gegensatz zu ihren westlichen Nachbarn, den Chinesen, frönen die Japaner dem Opiumgenuss in keinerlei Form. Dagegen ist der Japaner leidenschaftlicher Raucher. Die kleine Pfeife mit fingerhut-kleiner Oeffnung ist sein ständiger Begleiter, und von Zigaretten verbraucht er täglich ein ansehnliches Quantum. Nicht rr.it Unrecht sagt daher der Verfasser mit Bezug auf den Gebrauch von narkotischen Reizmitteln: Nach den Erfahrungen der letzten fünfzig Jahre, während derer die Japaner mit der abendländischen Kultur in Berührung standen, ist es unwahrscheinlich, dass die Japaner je Alkoholiker werden. Eher besteht noch eine wenn auch geringe Gefahr, dass der verführerische Tabaksgenuss eine Rasse, die jetzt die stärkste und gesündeste auf dem Erdball ist, in gewissem Grade schwächen wird." Der skeptische Standpunkt der Autoritäten mit Bezug auf die vegetarische Lebensweise ist bekannt. Und wenn die Vegetarier im Hinblick auf die Japaner neuerdings ihre Lebensweise als gesündeste und als ein „Heilmittel gegen alle Leiden" anpreisen, so vergessen sie den auch bei Haucock nicht erwähnten Umstand, dass, nach den Prof. Baelzeschen Untersuchungen über die Beschaffenheit der Därme, der Japaner durch körperliche Veranlagung zum Vegetarismus prädestiniert zu sein scheint. (Schluss folgt.)