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Jüdische Turnzeitung · 1907-09-01 · 9 (9.1907) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
8 (1907)
Issue
9 (9.1907)
Date
1907-09-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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162 No. 9 Stiitzart leichter oder schwieriger gestaltet werden kann. Übungen im Beuge¬ oder Kniestiitz sollten, zumal wenn sie mit Schwingen des Körpers verbunden sind, nur den kräftigsten Turnern zugemutet werden. Oftmals hat ein Arm Streck-, der andere Beuge- oder Unterarmstütz, oder der eine stützt, wahrend wir am andern hängen; jenes kommt am Barren mit ungleich hoch gestellten Holmen vor, dieses unter anderm am Doppelreck. Auch diese Übungsarten gehören auf die höhere Stufe des turnerischen Könnens, ihr Wert für die körperliche Ausbildung darf jedoch nicht überschätzt werden. Bei manchen Übungen stützen die oberen Glieder mit den unteren (Füssen, Oberschenkeln) zugleich, und diese Stützart, wobei der Körper mehr in eine w agerechte Lage gebracht wird, heisst der Liegestütz, der an Geräten sowohl wie auf dem Erdboden allein ausgeführt werden kann und im praktischen Turnbetrieb mancherlei Anwendung findet. Manchmal stützen aber auch verschiedene Teile des Oberkörpers zugleich mit den Händen, z. B. beim Schulterstand die Stultern, beim Oberarmstand die Oberarme („gemischter Stütz"). Die Übungen im Stütz erfordern durchweg mehr Kraftanstrengung und Kraftvermögen, als die Übungen im Hang; es ist deshalb geraten, beim Turnen von Anfängern und von schwächlichen Personen, namentlich aber im Mädchenturnen, die Stützübungen gegen die Hangübungen erheblich in den Hintergrund treten zu lassen, und vor dem zehnten Lebensjahre sollten Kinder im Turnen mit Übungen im reinen und freien Stütz gänzlich verschont bleiben. Für den männlichen Turner aber ist das Hauptstützgerät der Barren, einer der grössten Schätze des Turnplatzes durch die Mannigfaltigkeit seiner auch dem reiferen Alter noch gerechten Übungen, durch den Reichtum an Biegungen und Schwingungen, Windungen und Wendungen des Leibes; in ihm liegt eine Welt der Vorübung für unendlich viele Vorkommnisse des Lebens. Der überwiegende Teil körperlicher Augenblicksleistungen beruht auf der Armkraft. Und wie das Hangschwingen am Reck den berühmten zweiköpfigen Oberarmbeuger (biceps) mehr und mehr härtet, so stählt der kräftige Barrenstütz in ausserordentlichem Masse neben den Gegenmuskeln der Hand und des Unterarms den dreiköpfigen Oberarmstrecker (triceps). Hierdurch macht das Barrenturnen den Mann erst hieb- und stossfest, liefert sogar einen vollen Ersatz für das englische Boxen. Für die harmonische Ausbildung des Oberkörpers könnten Reck und Barren demnach wohl genügen, wenn der Turner ein Ubermass ihrer Benutzung veimeiden und stets die individuellen Grenzen innehalten würde. Sonst besteht nämlich die Gefahr, dass durch die ständige Zusammenziehung der Brustmuskeln eine Neigung des Körpers vornüber eintritt und der „Barren" lnickel" entsteht. Zwar wird es soweit nur ganz ausnahmsweise kommen — vielleicht bei Vereinsakrobaten, die ihre Tricks zum Schauturnen gewerbsmässig einüben und deren geistige Struktur im umgekehrten Verhältnis zur Künheit ihrer „Abgänge" steht — aber es wird nicht so mit Unrecht der Vorwurf erhoben, dass eingefleischte Reck- und Barrenturner im allgemeinen keinen glänzenden Eindruck in Haltung und Muskelbau machen. Schliesslich erfordert auch die vollendetste Reckübung nur passiven Mut, bei grossen Umschwüngen durch Festhalten, bei gewaltigen Niedersprüngen durch unmittelbares oder infolge anderer Bewegungen bedingtes Loslassen. Wiederum, welch eine tadellose Beherrschung des Körpers, welche exakte Zusammenarbeit der kleinsten Muskeln gehört dazu, um bei der Riesenfelge rückwärts im Handstehen zu verharren und dann vielleicht mit einem nochmaligen gestreckten Umschwung zum Stand vorlings zu kommen! Im Grunde ist es doch zu bedauern, dass die Übertreibung einzelner es nötig gemacht hat, die Gipfelübungen zu verteidigen. (Schluss folgt.)

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