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Jüdische Turnzeitung · 1907-09-01 · 9 (9.1907) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
8 (1907)
Issue
9 (9.1907)
Date
1907-09-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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160 No. 9 Gerätturnen. Von Turnlehrer Erich Burin. (Fortsetzung.) Die unterscheidende Hauptforderung der Gerätübungen ist, dass nicht der Leib übt, sondern der Geist den Leib übt, indem er dessen gesamte Kraft in Dienst nimmt und auf die möglichst vollkommene Ausführung der Leistungen richtet. Sie dürfen nicht eine rein körperliche, mechanische Vorrichtung sein, wie die Arbeit eines Handwerkers, sie dienen nicht äusseren Zwecken, sondern gehen aus Überlegungen und Entschlüssen hervor, die im Geiste ihre Wurzel haben und die jeder Art von Selbstsucht fremd sind: sie werden durch freie, von allen Nebenzwecken, selbst der Ehre und Gesundheitspflege, unabhängige Willenskraft hervorgerufen. Durch den Willen treten erst die erforderlichen geistigen Kräfte in Tätigkeit, angestrengte Aufmerksamkeit, verständige Schätzung der Hindernisse, des Gewichtes, des Raumes in seinen verschiedenen Richtungen, rasche Erfassung des geeigneten Augenblicks, Beherrschung aller einzelnen Glieder und des ganzen körperlichen Gleichgewichts. Der Körper erscheint also nur als der dem Geist zur freiesten Verfügung stehende Stoff, bildlich als ein Instrument, in dessen Saiten der Geist eingreift, um sie nach Belieben in Akkorden erklingen zu lassen. Wenn das Gerätturnen aber derartiges leistet, wenn es Schärfung der Urteilskraft, Mut, Entschlossenheit, Geistesgegenwart erzeugt, so hat es offenbar einen direkten Einfluss auf die Bildung des Geistes, ja, mehr als das, es wird sogar einen wichtigen Beitrag zur höchsten Geistesbildung, zur Bildung desselben zu einem Charakter, nicht schuldig bleiben. Zum guten Gerätturnen gehört demnach ein fester Wille, und der Wille ist die Folge klarer Erkenntnis. Er ist eine Naturkraft, deren Leistungsfähigkeit durch Übung in erstaunlichem Masse wächst. Die turnerische Tat am Gerät übt ihn, stählt seine Stärke. Ohne einen in vielseitiger Übung bewährten und gefestigten Willen, ohne die unbedingte Herrschaft des Geistes über den Leib kommen weder turnerische noch andere Leistungen zustande. Der Geist zwingt den Leib zum Gehorsam gegen die Befehle, die jener an ihn ergehen lässt, so schwer sie für ihn auch sein mögen, und so viele Hindernisse bei der Ausführung auch überwunden werden müssen. So verhelfen die Gerätübungen zum Erwerbe von Geistesgegenwart und Entschlossenheit. Sie nötigen, alle Kraft plötzlich und mit vollster Entschiedenheit auf einen Punkt zu vereinigen. Wackere Gerätturner kennen keine Furcht, schauen nicht zaghaft nach dem Verhalten anderer um, sie vertrauen der eigenen Kraft; denn sie haben hundertfach erprobt, wieviel sie sich zumuten können. — Eben so wichtig ist es, dass der Turner am Gerät die Fertigkeit und Kraft anderer schätzen lernt. Dadurch wird er vor Neid, Hochmut, Dünkel, Überhebung und Anmassung bewahrt, er lernt fremde Fähigkeit ehren, ohne den Mut zur Bewährung der eigenen Kraft einzulassen. — Wenn Geistesgegenwart die Fähigkeit ist, einen Vorgang im Augenblick richtig zu erfassen und unverzüglich Gegenmassregeln zu treffen, so hat der Mut mehr die positive Aufgabe, scheinbare Hindernisse und Zwangsvorstellungen zu überwinden und sein konstantes Stadium, Kühnheit und Tapferkeit, vorzubereiten. In der natürlichen Heranbildung beider Eigenschaften richtet der Gerätturner sein Auge auf ein ganz bestimmtes Ziel: dies erstrebt er mit Anspannung aller seiner Kräfte. Und von diesem Punkte ans gesehen ist das Gerätturnen auch eine Erziehung zur Wahrhaftigkeit, freilich zunächst und unmittelbar nur in leiblicher Beziehung, um lediglich durch die Anstrengung und zweckmässige Verwendung der eigenen Körperkraft die Übung zu vollbringen. Die Leistung am Gerät zwingt aber, allem

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