Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 8 (1907)
- Issue
- 6 (6.1907)
- Date
- 1907-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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104 No. 6 deren Zahl so gross ist, wie die der Städte, in denen wir Bundesvereine haben, bei dem nie versagenden Streit um die Auffassung der Turnsprache, die einheitliche Behandlung des aufgegebenen Übungsstoffes sehr schwierig, wenn nicht unmöglich ist. Wohl waren die Übungen fleissig durchgearbeitet worden, zum Teil sogar war der Drill zu stark aufgetragen — die österreichischen Vereine weichen da in der Methode ab — aber turnerisch genommen fehlte das, was die Gemeinübungen als die Leistung einer willig und bewusst zusammengeschweissten Masse charakterisieren und das Individuum ausschalten soll, es fehlte ein Schwung, ein Schlag. Dabei war die Ausführung im Oesamteindruck eine recht gute. Alles riss sich anstrengend zusammen, der Takt ging durch, und die Übungen stiegen im flotten Ruck. Einzelne „patzten", nicht immer die Jungen, fielen aber in der Menge nicht sonderlich auf; das Ein- und Auswinden der Stäbe, deren Richtung nach Graden mit dem geschulten Augenmass eingestellt werden musste, um zu wirken, ging jedoch für die Entladung des eigentlichen Übungskerns verloren. Soviel technisch, als Darbietung hatten die Übungen ein gutes Resultat, da sie klassische Körperstellungen ergaben und durch die augenfällige Schwierigkeit der Stabhantierung imponierten. Wir werden auf Qemeinübungen zu derartigen ausserordentlichen Gelegenheiten in System und Methode zurückkommen müssen. Der erste Akt des Schauspiels war zu Ende; im Vorraum bildeten sich danach elf Geräteriegen, darunter einige nervöse. Jede marschierte einzeln ein und stellte raumsparend ihr Gerät auf. So konnte man Umschau halten: sechs Barren, drei Pferde (eins für Hintersprünge), zwei Recks, ebenso bezeichnend für das Zustandekommen eines Verbandsriegenturnens. wie allerdings notwendig für seine Abhaltung in einem Pestsaal. Jeder Verein wollte natürlich mit seiner ersten Mannschaft glänzen, und die war aber am Barren am besten. So sah man den „mit Recht so beliebten" Barren in jeder Aufmachung; Prossnitz hatte sich am sprunghohen Röhrenbarren etabliert, das Möbel sah ganz gefährlich aus. Die Haltung der Riegen am Gerät war nur zum Teil einwandsfrei; einstimmiges Lob holten sich in dieser Beziehung unsere Kölner Turnbrüder, sie standen an ihrem Seitenpferd wie die Puppen. Reck hatten Fünf haus und die zweite Berliner Mannschaft belegt. Endlich war man soweit, dass die Vorturner auf Kommando einspringen konnten. Und nun begann ein fröhlicher Wettbewerb, der nicht ausgemacht war, sich aber von selbst einstellte und bald die Spreu von dem Weizen schied. Die grösste Aufmerksamkeit lenkten wohl auf sich die erste Riege des „Bar Kochba" am Barren und die Kölner Pferderiege. Aber auch in allen anderen Riegen wurde manch tüchtiges Stück geleistet, überall sah man den eisernen Fleiss, den die Riegen, und den freudigen Eifer, den die Vorturner entfaltet hatten. Ehrender Erwähnung wollen wir hierbei des Obmannes des Ersten Wiener Jüdischen Turnvereins, Herrn Dr. Ludwig Werner, tun, der mit der Elastizität und Frische eines Jünglings sein Vorturneramt am Pferd ausübte. Neues wurde im Einzelnen kaum geboten, jede Riege zeigte das, was sie in ihrem Verein als Bestes gelernt hatte und gab so ein frohes Bild aus der heimischen Turnstunde. Zwar blickten hier allzu feuriges Ungestüm und da mangelnde Einheitlichkeit hervor, aber wenn man bedenkt, dass einige Riegen erst am Vormittag zusammengeflickt und kompletiert waren und viele Turner jetzt ohne Probe, nicht mit dem Nachbar links und rechts eingeübt, antraten, so muss dieser Teil des Schauturnens, gerade in seiner Kürze, als der Beste bezeichnet werden. Bei dieser Gelegenheit mag auch in turnerischer Beziehung konstatiert sein, wie überraschend schnell sich die eben noch fremden Turnbrüder, sobald sie Schulter an Schulter standen, aneinander gewöhnten und