Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 8 (1907)
- Issue
- 1 (1.1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4921092-5965113-5965256--1774-4924616- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 1 Wintersport. Es ist noch nicht lange her, dass man sich das winterliche Gebirge als einen Ort des Schreckens dachte. Aber unsere Zeit, die dem Menschen so viele neue Quellen des Sportes erschloss, hat mit diesem Vorurteil aufgeräumt. Zuerst waren es die Bergsteiger, welche uns bewiesen haben, dass man auch im Winter Hochtouren ausführen kann, dann kamen die Skifahrer und endlich die Rodler. Welch eine Lust, Rodler zu sein!-Welch hoher Reiz für wagemutige Naturen, auf dem erklommenen Gipfel ihre Rodel zu besteigen, um von dort eine lustige Talfahrt zu beginnen, bei der die Turner-Rodler all' ihre Übung und Gewandtheit zeigen können. Gilt es doch, im rasenden Tempo so manche scharfe Kurve zu nehmen, so manchen Graben zu überspringen, oder die wild dahinsausende Rodel, je "ach Bedarf in ihrem Lauf zu hemmen. Im Tale angelangt bedauert man, dass die schauerlich schöne Fahrt nicht doppelt so lange gedauert hat. Der Rodelsport stählt nicht nur den Mut und den Körper, sondern er strengt auch den Geist an. Man wird zu raschem Denken und Handeln wahrend der Fahrt gezwungen. Es ist ein Sport, der alle die Seelen- Qualitäten in sich vereinigt (Mut, Ausdauer, Geistesgegenwart), die uns Juden so dringend nötig sind. MU Bedauern muss ich aber konstatieren, dass man dem Wintersport im allgemeinen noch nicht die nötige Aufmerksamkeit schenkt. Viele Turner ziehen es vor, die mit Rauch durchschwangerte Luft der Cafehäuser zu atmen, als sich irgend einem gesunden Sport zu widmen. Es wird diesbezüglich auch vielfach von den Vereins- Leitungen gesündigt, welche glauben, dass Schluss des Sommers gleichbedeutend mit Schluss der Ausflüge ist. Dagegen will Ich nur darauf hinweisen, dass Winterpartieen, ausgeführt bei gutem Schnee und hellem Himmel, ganz eigenartige Genüsse gewähren, wie sie der Sommer nicht zu bieten vermag. Der Jüdische Turnverein Graz geht in dieser Beziehung systematisch v«r. Wir haben nicht nur im Sommer die Almen verjudet (wie sich ein Anti auszudrüchen beliebte), sondern sind auch bereits daran gegangen, den Rodelsport für uns zu reklamieren. Der Verein hat eine Anzahl erstklassiger Rodeln angekauft, welche er seinen Mitgliedern zur Verfügung stellt. Nach Intensiv betriebener Vortralnierung unternahm die aus 10 Mann bestehende Rodelriege ihre erste Partie unter meiner Führung. Es ging auf den Plabutsch. Die Station Gröping nächst Graz war bald erreicht. Alles lag öde da, wie ausgestorben, denn die Landbewohner sitzen daheim in der warmen Stube und geniessen behaglich nach der schweren Herbstarbeit die unfreiwillige Ruhe. Wir nähern uns, mit den Rodeln bewaffnet, dem Fusse des Plabutschs. Da plötzlich ertönt ein kräftiger Ruf: »Bahn frei!" und als ein belebendes Moment in der winterlichen Erstarrung wird ein Rodlerpärchen sichtbar, welches soeben seinen Auslauf beendet hat. Wir beginnen den Aufstieg. Anfangs schlägt die ungeduldige Rodlerschar ein zu rasches Tempo ein, welches an die körperliche Kraft und Ausdauer um so höhere Anforderungen stellt, als das Gehen ohnehin durch den stark gefallenen Neuschnee gehörig erschwert wird. Unter Betrach-