Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 7 (1906)
- Issue
- 11 (11.1906)
- Date
- 1906-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 11 191 akademische jüdische Jugend versage fast vollständig, wenn es sich darum handele, dem Judentum einen Dienst zu leisten. Ihre Vereinigungen hatten für das Gesamtjudentum nur mehr problematischen Wert, weil die akademische Jugend fast nie hervortrete, die Entwicklung des Judentums gehen lasse wie sie gehe. Nur selten sei zu beobachten, dass diese' akademischen Kreise sich tatsächlich dem Judentum widmeten, ihre Kraft und ihr Wissen in den Dienst der Allgemeinheit stelle. Noch schlimmer aber sei es um die grosse Masse der jüdischen Jugend bestellt, die dem Kaufmannstand angehöre. Diese wisse heute kaum noch, was Judentum sei. Was aber das Schlimmste sei, es mache sich in diesen Kreisen eine immer mehr überhandnehmende Verflachuug und Unkultur bemerkbar. Wer offenen Auges das Gros der jüdischen kaufmännischen Jugend beobachte, müsse csich Uberzeugen, wie die so oft gerühmten Vorzüge der Juden, Enthaltsamkeit und Bildungsdrang, immer mehr im Schwinden begriffen seien. Für das Judentum aber, gleich in welcher Form, hatten diese jungen Leute fast nichts anderes als schlechte Witze übrig. Redner beleuchtete hierauf eingehend die Gründe dieses Verfalls. Er sieht sie darin, dass der jüdischen Jugend heute fast keine Gelegenheit mehr geboten sei, das Judentum kennen zu lernen. Der Unterricht in den jüdischen Fachern sei höchst mangelhaft, und was man in der Schule in einem Jahre lerne, werde durch den unangebrachten und unbegründeten „Liberalismus" der Eltern schleunigst wieder ausgerottet. So komme der junge Jude ins Leben, das a" ihn ganz besondere Anforderungen stelle, weil er eben ein Jude sei. Er sehe sich plötzlich einer feindlichen Welt gegenüber, die ihn bedränge seiner jüdischen Eigenschaft wegen, ohne dass er auch nur eine Ahnung von diesem Judentum habe. So habe er keinen Halt. Das Judentum, das ihm diesen Halt kraft seiner ethischen, historischen, nationalen Bedeutung wohl geben könne, kenne er nicht, einen anderen Halt habe man ihm nicht mitgegeben, und die geistigen Leiter und die Führer des Judentums hätten offenbar weder Zeit noch Lust, sich um die schulentlassene Jugend mehr zu kümmern, als sie sich um die schulpflichtige kümmere. Die Folge sei ei" schrankenloser Pessimismus, der bis zum Zynismus ausarte und Schuld se< an manchen unerfreulichen Erscheinungen, die wir in der letzten Zeit "Btten beobachten können. Die orthodoxe Jugend, die noch Zusammenhang mi' dem Judentum habe, halte sich aber von der jüdischen Allgemeinheit J^ne und käme daher für sie auch nicht inbetracht. So könne das heutige Judentum auf seine Jugend nicht mehr rechnen. Wolle das Judentum, dass ihm seine Jugend und damit seine Existenzmöglichkeit j»cht verloren gehe, und wolle die Jugend, dass sie wieder einen festen Halt gegenüber den Stürmen des Lebens bekomme, so müsse sie sich die Wissenschaft, die Ethik des Judentums wieder zu eigen fachen, sie müsse in Zusammenhang kommen mit den Erscheinungen jjes Judentums der Gegenwart und sie müsse danach streben, überall in d'e jüdischen Institutionen einzudringen, damit endlich der alte Schlendrian aufhöre, damit endlich eine Bahn beschritten werde, an der mitzugehen, BUcn die Jüdische Jugend ein Interesse habe. Die zahlreich besuchte Versammlung spendete dem Redner lebhaften öelfall. In der Diskussion vertraten die Gegenredner meistens den Stand-