Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 6 (1905)
- Issue
- 1 (1.1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 1 19 sind also die jüdischen Turnvereine genau auf dieselbe Stufe zu stellen, wie die polnischen Sokolvereine. Allerdings wird diese Gleichstellung von der jüdischen Turnerschaft nicht ohne weiteres zugegeben werden; sie stützt sich auf ihre besondere Auslegung des Wortes „national". Bekanntlich erstrebt eine gewisse jüdische Partei, die sogenannten „Zionisten", für das ganze Judentum die Errichtung eines selbständigen Staates, wenn möglich in Palästina. Von diesen Bestrebungen will sich aber die jüdische Turnerschaft getrennt wissen, ihre Bestrebungen sind nur national. Es heißt hierüber m der angeführten Turnerzeitung: „Die Basis beider (Begriffe) ist dieselbe. Der Zionismus wächst aber nach oben hin über den Nationalismus damit hinaus, daß er ein bestimmt formuliertes politisches Programm enthält, auf das seine Anhänger sich einschwören, auf die Wiedererweckung des jüdischen Volkstums in einem selbstverwalteten. jüdischen Staate. In dem Wesen des Nationalismus liegt die Forderung einer bestimmten Aktion, zumal einer politischen, nicht." Der Nationalismus geht also — nach seiner Aussage — nur hinaus auf eine körperliche (aber auch moralische und gesellschaftliche) Hebung des jüdischen Volkstums, zunächst ohne weitergehende Ziele, Es liegt aber auf der Hand, daß dieser Nationalismus, sobald er sich einigermaßen entwickelt hat, in einen argen Zwiespalt geraten muß mit den besten Elementen seiner Partei. Denn diese werden es sich ja gerade angelegen sein lassen, den Nationalismus nach oben hin zu entwickeln, also zum Zionismus, mit der ausgesprochenen Tendenz, eine große Anzahl unserer Mitbürger,, ihrem bisherigen Vaterlande zu entziehen und mit ihrer Hilfe emen selbständigen Staat zu bilden. Daß die ganze Bewegung sich schon jetzt wesentlich an die bestehenden zionistischen Vereine anzuschließen versucht, aber von diesen zunächst noch mit Mißtrauen betrachtet wird, geht aus den eigenen Worten von Dr. jur. Zirker hervor, der im Auftrage der jüdischen Turnerschaft eine Propagandareise unternommen hat; er schreibt: „Zu meinem Befremden erhielt ich die meisten Absagen von zionistischen Ortsgruppen, also gerade denjenigen Vereinen, auf die ich wohl mit Recht die größten Hoffnungen gesetzt hatte." . Nun könnte man von seiten der jüdischen Turnerschaft sich vielleicht noch in Parallele zu setzen versuohen mit den deutschen Turnvereinen in Amerika; aber dieser Vergleich würde doch ganz bedenklich hmken. Die Angehörigen dieser Vereine wollen deutsches Turnen, deutsche Art und Sitte hochhalten und die Beziehungen zu ihrem früheren Vaterlande nicht ganz abbrechen, an das sie auch häufig noch durch verwandtschaftliche Bande geknüpft sind — aber niemals würde ihnen der bedanke einer Lostrennung von ihrer jetzigen Heimat zwecks Bildung eines eigenen Staates kommen. Sie sind deutscher Abstammung, aber sie sind Amerikaner. . , u M Der obengenannte Dr. Zirker hat auf seiner Propagandareise auch "oirat Maul besucht, ihn mit den Bestrebungen der jüdischen Turnerschaft bekannt gemacht und ihn namentlich auch auf den Unterschied zwischen der jüdischen Turnerschaft und den „pseudo-jüdischen" Turnvereinen (d h. solchen, die nicht die Flöte des Nationalismus blasen) hingewiesen. Nach Aussage Dr. Zirkers hat Hofrat Maul.,in den wärmsten "nd anerkennendsten" Ausdrücken dem Plane beigepflichtet, als einer »begrüßenswerten und berechtigten" Sache; er sieht ,,ein friedliches Arbeiten der jüdischen Turnerschaft für ihre jüdisch-nationalen Ziele neben 9er für ihre. deutsch-nationale Sache arbeitenden Deutschen Turnerschaft tur beide Teile und für die Allgemeinheit als durchaus „ersprießlich" an. .. Ich kann mir nicht denken, daß die Deutsche Turnerschaft - falls «»ese Aeußerungen Hofrat Mauli von dem Berichterstatter richtig verstanden und richtig wiedergegeben sind - Sich mit ihnen einverstanden erklären wird. Man mag mit den Vertretern der jüdischen Turnerschaft noch so sehr wünschen, daß von seiten ihrer Glaubensgenossen eine größere Beteiligung am Turnern eine allgemeine körperliche Kräftigung "nd gesellschaftliche Hebung — besonders im Osten — stattfinde, man Jag andrerseits auch das Ideal der Zionisten als eine Utopie hinstellen, die nie verwirklicht wird, das alles kann die Aufstellung des jüdischen Nationalismus .nicht entschuldigen, seine Gefährlichkeit nicht verringern.