Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 12 (12.1904)
- Date
- 1904-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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210 No. 12 welcher Parteiwarte er immer die nahe Vergangenheit betrachtete. Allein indem wir das Urteil über die hellenistischen Assimilanten begreifen können, müssen wir es doch bedauern, dass uns ein tieferer Einblick in die Zustände der damaligen jüdischen Gesellschaft vorenthalten blieb. So erst könnte sich die Geschichte als die grosse Lehrmeisterin erweisen. Die Parallelen, die sie ermöglichte, würden dann auch in entscheidenderer Weise für die Folgezeiten bestimmend werden können. Und für unsere Tage würde der Vergleich mit den Epochen, welche die gleichen Voraussetzungen einer starken Assimilation besassen, mehr als historisches Interesse haben: er würde aktiv praktische Forderungen zeitigen. Man kann zwar zugeben, dass letzten Grundes die ganze jüdische Geschichte nur eine Geschichte jüdischer Assimilation darstellt; und darstellen muss, weil der grössere Teil seiner nationalen Lebenszeit unter ganz abnormen Verhaltnissen verlief. Nur muss man den Begriff der Assimilation nicht gar zu eng und zu äusserlich fassen, sondern mehr im biologischen Sinne als eine Anpassung an die allzeit stärkere Umgebung. Als eine Anpassung, die geistig-kulturell und physisch-national die anthropologische Varietät der Juden durch die Jahrtausende hindurch erhalten hat. Trotz aller Stürme und Gefahren! Diese Anpassungen wechselten natürlich ihren Charakter und ihre Richtungstendenzen je nach den einwirkenden Verhältnissen. Und solange sie erst im Zuge waren, erschienen sie als ganz natürliche Entwicklungen. Aber sobald sich die jüdische Nation vor neuen Problemen fand, indem neue Kulturkreise sich an sie herandrängten oder neue Wanderungen das Volk in anderes Milieu hineinzwang, wurden die Wellen eines schon geruhigen Entwicklungsprozesses unterbrochen. Es bildeten sich Strudel, die ihre Opfer forderten. Leider sind uns die inneren Verhältnisse zur Zeit tiefgehender Assimilationsnotwendigkeiten unbekannt. Nur die letzte grosse Anpassungsepoche — die Jahrzehnte der Aufklärung — ermöglichen einen Einblick in das Treiben der Masse. Aber die menschliche Natur ändert sich nur in ihren Ausdrucksformen. Ihr Kern, ihre Wesensstruktur erfährt in ein paar Jahrtausenden