Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 10/11 (10.1904)
- Date
- 1904-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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198 No. 10/11 Am 0. Oktober fand eine gemeinschaftliche Turnfahrt sämtlicher Frauenabteilungen statt Am 25. Oktober beging die II. Frauen-Abteilung das Fest ihres zweijährigen Bestehens in Gestalt eines Teeabends, der Mitglieder und Gäste zu einem gemütlichen Beisammensein im Restaurant Charlottenhof vereinigt hatte. Um das Gelingen des Festes hatten sich insbesondere die Damen Alterthum und Grassheim verdient gemacht. Frl. Baron sprach einen selbstverfassten launigen Prolog. Auch dem ungenannten Dichter des Tafelliedes sei an dieser Stelle ein besonderes Lob gespendet. In der IV. Männer-Abteilung sprach am 25. Oktober Herr Dr. talowicz über „die Bedeutung der national-jüdischen Idee" (bei iaumann. Friedrichstr.) Den interessanten Ausführungen folgte eine sehr anregende Diskussion. In einer .grosseren Vereinsversammlung am 27. Oktober, der auch eine Anzahl Gäste beiwohnten, behandelte Herr Dr. Israel Auerbach in eingehender Weise das Thema „Nationalismus und Weltbürgertum". Berlin. Der Jüdische Turnverein „Bar Kochba" feierte am 8. November sein sechsjähriges Stiftungsfest. Etwa 400 Personen nahmen an dieser Festlichkeit teil. Zu Beginn der Veranstaltung hielt Herr Dr. Täubler eine Tendenzrede, die wir als Muster einer kurzen und gehaltvollen Ansprache im Folgenden wiedergeben wollen: „Meine Damen und Herren! Wir sind zusammengekommen, um das sechste Stiftungsfest unseres Vereins zu feiern. Ein breiter Schatten fällt auf dasselbe; Herzl ist tot. Das war eine sturmesfrohe Zeit, als wir vor sechs Jahren eines Sabbatabends uns zusammenfanden, um einen Turnverein zu gründen, in kleinem Räume unser ein paar Dutzend, gespalten in Zionisten und Golusfreunde. Die Zionisten hatten die Mehrheit und hatten die hinreichende, Unbefangenheit und Weite des Blickes, um nicht einen zionistischen, sondern einen nationalen Turnverein zu gründen. Es wird gut sein, die uns damals bestimmenden Gedankengänge ihrem theoretischen Gehalte nach festzuhalten, und die Frage zunächst auf die Umgrenzung der Begriffe Zionismus und Nationalismus hinzulenken. Die Basis beider ist dieselbe. Der Zionismus wächst aber nach oben hin Ober den Nationalismus damit hinaus, dass er ein bestimmt formuliertes politisches Programm enthält, auf das seine Anhänger sich einschwören auf die Wiedererweckung des jüdischen Volkstums in einem selbstverwalteten jüdischen Staate. — In dem Wesen des Nationalismus liegt die Forderung einer bestimmten Aktion, zumal einer politischen, nicht Aber es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, wollte man glauben, dass der Nationalismus übsrhaupt keine Aktion fordere, sondern in der blossen Anerkennung des Vorhandenseins einer jüdischen Nation bestehe. Das wäre nur die Anerkennung einer wissenschaftlichen Tatsache, deren ein Nichtjude in genau demselben Masse fähig wäre, wie ein Jude. Gerade das bestimmt aber den von der wissenschaftlichen Erkenntnis verschiedenen Charakter unserer Anerkennung der jüdischen Nationalität, dass dieselbe nicht das Produkt objektiven Denkens ist, sondern aus unserem personlichen Empfinden fllesst. Weil Ich mich selbst als lebendiges Glied der jüdischen Nation fühle, brauche. ich zu ihrer Anerkennung nicht den wissenschaftlichen Beweis. Und weil der Nationalismus also für jeden von uns ein persönliches Erlebnis bedeutet, ist seine Bejahung, um Schlagworte zu gebrauchen, nicht eine Erkenntnis, sondern ein Bekenntnis und fordert als solches seinen Dienst. Als wir unserem Turnverein das nationale Gepräge gaben, beabsichtigten wir darum keineswegs, dasselbe nur als Begrenzung nach aussen ein zu verwenden und einen Verein zu gründen, welcher nur notgedrungen ein jüdischer ist. Wir haben ja derartige Vereine zu Dutzenden