Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 2 (2.1904)
- Date
- 1904-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 2 35 erschien bereits im Jahre 1893 in französischer Sprache, und wir haben hier eine 2. deutsche Auflage vor uns. Kaum kann es eine schärfere Kritik der barbarischen Zustände in Russland geben, als jene wenigen Zeilen, die Errera in seinem Vorwort zu dieser 2. Ausgabe schreibt: „Als die 2. französische Auflage dieses Buches vor einigen Monaten erschien, kam es mir nicht als notwendig vor, ihr ein Kapitel bezüglich des Zeitraumes von 1893—1903 hinzuzufügen . . . einige lokale Milderungen in Provinzen, die von menschenfreundlichen Gouverneuren verwaltet sind, Verschlimmerungen dagegen in anderen; die gehässigsten Reizungen der Antisemiten von der Zensur geduldet; der Zutritt zu den Unterrichtsanstalten den jüdischen Schülern immer mehr und mehr erschwert; dieselben Ungerechtigkeiten im Militärdienste; dieselben polizeilichen Ausschreitungen; überall ein tiefes Elend ..." Es war während eines Dezennismus alles beim alten geblieben, keine Milderung war eingetreten. War das nicht genug, um dieses Buch, das in seiner ergreifend schlichten Form eine so furchtbare Anklage gegen das verrottete russische Regierungssystem darstellt, noch einmal herauszuschicken, um alle die zu sammein, die Anspruch darauf erheben, noch menschliches Gefühl zu hegen? Da trat das furchtbare Ereignis ein, jener schreckliche Ausbruch viehischster Leidenschaft — die Greueltaten von Kischinew. Eine ausführliche Schilderung dieser grausigen Vorgänge schickt Errera seiner deutschen Ausgabe vorauf. Wer dann die "einzelnen Kapitel dieses Werkchens liest, wer mit steigender Erbitterung und heiligem Zorn die unendlichen Quälereien und Torturen an seinem Auge vorüberziehen lässt, der wird bald inne, dass hier ein teuflisches System zur Anwendung gelangt, das uralte System des Königs Ahasveros, das System der Ausrottung, der totalen Vernichtung, nur mit dem Unterschiede, dass damals eine einzige rasche Niedermetzeiung geplant war, die als wahre Liebestat erscheint gegenüber der unendlich langsamen wollüstigen Erdrosselung, die hier dem jüdischen Volkskörper zugefügt werden soll. Alles, was Errera schreibt, belegt er durch authentische Zeugnisse, nichts wird übertrieben. Er gelangt zu der Überzeugung, dass die Schuld an den Verhältnissen nur bei der Regierung, nicht im Volke zu suchen sei: „Der russische Bauer ist Im allgemeinen den Israeliten nicht feindlich, gesinnt, aber die Verdoppelung der öffentlichen Strenge hat ihn nach und nach zu der Überzeugung geführt, dass diese Minderheit ausserhalb der Gesetze stehe und nach den Vertreibungen aus Moskau, Kiew und St. Petersburg glaubt er notwendigerweise, sich alles gegen sie erlauben zu dürfen ... die Verfolgungen von oben musste zu dem Gemetzel von unten führen. In seinen furchtbarsten Schreckenstaten zieht der letzte der Plünderer nur die logische Folgerung des Systems Pobedonoszew." Zum Schluss bespricht er die vier denkbaren „Lösungen" der russischen Judenfrage: 1. Vernichtung, abgesehen von ihrer moralischen Verwerflichkeit, würde hier nur durch .Jahrhundertelang fortgesetzte Anwendung" wirken. Und so lange dürfte es dem Antisemitismus wohl kaum gelingen, den Sieg der Duldung aufzuhalten.