Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 22 (1921)
- Issue
- 1-4 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Zu seiner Zeit finden wir unser Judentum in einem ganz anderen Lidite als bisher. Wie kommt es plötzlich daß Strömungen, Richtungen, Parteien und „, T a| 1 m u d is t e n " entstehen? Wir kennen unsere Ahnen bis zu dieser Zeit als die schlichten, unbefangenen und der Rede ungewohnten Leute, die höchstens ihre heidnischen Nnchbarn mit Worten der Propheten schlagen uncj sie ob ihrer Götzen verhöhnen konnten, „die Augen haben, aber nicht sehen können, Ohren usw." und als Leute, die sich hoch erhaben über die religiöse Beschränktheit und Sittenverderbnis der sie umgebenden heidnischen Völker fühlten und sich als das „auserwählte Volk" ansahen; woher mit einem Maie die Richtungen, woher plötzlich die an Sopnistik erinnernde Redegewandheit des Talmud, (der „Pilpul")? — In Palästina waren jetzt nicht mehr Philister, nicht mehr Assyrer, Aegypter, Babyionier oder Perser, in Palästina waren — die Griechen. Nicht wie andere Heiden ungebildet waren die Hellenen. Mit einer noch nie gehörten Beredsamkeit prahlten sie von den Bildungsverhältnissen ihres Landes. Sie lernten durch ihre großen Rhetoren, Naturforscher und Philosophen die Zusammenhänge und Vorgänge in der Natur zu erfassen und sie als einheitliche Gebilde darzustellen, sie hatten sie in das Ideenreich eines Plato vertieft und kannten die Gottesbegriffe eines Aristoteles. Mit ihnen konnte der stolze Jude nicht so reden wie mit den anderen Götzendienern. Der wißbegierige Grieche, der sich nicht nur die Thora, sondern auch die übrigen Bücher der „Bibel" in seine Sprache übertragen ließ, erfuhr bald von dem „Schatz" der Juden. Das Nächstliegende war, daß er in ein Religionsgespräch mit den Juden sich einließ, ihnen Widersprüche, Unsinnigkeiten und Ungerechtigkeiten in ihrem „planlos hingeschriebenen" Gesetz- und Lehrbuche, das ihnen als Inbegriff aller Weisheit galt und von ihnen blindlings befolgt wurde, nachwies und bei einer Gegenüberstellung der beiderseitigen Gottesbegriffe und Gerechtigkeit mit allen Mitteln der Ueberführung und Sophistik ihre Anschauungen ad absurdum führten. Wohl waren sie imstande manche Fragen zu beantworten, im übrigen aber nicht mächtig genug, die geistigen Hiebe der Hellenen zu erwidern, verblüfft, an ihrer Zukunft verzweifelt und in ihrem Inneren tief erschüttert gingen sie davon; — sie 'waren in der Redekunst ungeübt. — Ein großer Teil fiel in die Hände der Griechen; sie gingen dem Judentum verloren. Der übrige Teil faßte den Entschluß, sich in die Wissenschaft der Bibel zu vertiefen, sich der stärksten Waffe ihrer Gegner, der „griechischen Dialektik" zu bemächtigen und einen „Zaun um das Gesetz" zu schließen. Diese Zeit war die Geburtsstunde des Talmud. Eine Lieblingsdiskussion zwischen den genannten beiden Parteien jini Judentum war die Frage der Vergeltung. Die Griechen und die ihnen auf Schritt und Tritt mit „Amen" nachlaufenden „Glaubensgenossen" zeigten den treuen Juden, wie gut es doch den Frevlern und wie schlecht es den Gerechten in ihrem Leben erginge. E i n Beispiel dafür liefert der in derselben Epoche lebende Märthyrer, der Nassi Jose b. Joeser1), der seinem Oheim, dem assimilierten Hohenpriester Alkimos bei einem solchen Gespräch geantwortet hat: „Geht es den Schlechten schon so gut, welcher Lohn erst wartet der Gerechten!" Ein anderes gibt uns Antigonos selbst: D^WJp ^"Jiw£ n« \^W0 EH}B? "J* ,Dlf "^P-1? W •D5^s,o:t?^ rjte Tn D"R bzpb n;9 by_ vbf a-ri „Seid nicht wie die Sklaven da, die ihrem Herrn nur dienen unter der Bedingung, daß sie bezahlt werden, sondern wie die Untertanen, die ihrem Herren ■uneigennützig dienen; und die Ehrfurcht Gottes beseele Euch!" Die beiden Sätze allein genügen, um die Geistesströmungen jener Zeil zu kennzeichnen. Ich halte Antigonos und seinen Nachfolger, den eben erwähnten Jose b. Joeser für die Verkünder der „chassidischen" Sekte, welche das Gute um des Guten willen pflegten, weil sie in dem wahren Guten den " Berichtet in Midr. R. 1 M. Abschn. Tholdoth.